RSNplusKolumne zum größten Radrennen der Welt

Kempfs Senf: Die Tour ist doof!

Von Kevin Kempf

Foto zu dem Text "Kempfs Senf: Die Tour ist doof!"
Unser Autor meint, die Tour sei “doof“ - von ihr lassen kann er aber natürlich unter keinen Umständen. | Foto: Kevin Kempf

11.07.2026  |  (rsn) – Natürlich gucke ich jede mögliche Minute der Tour de France. Natürlich werde ich nach ihren 21 Etappen in ein tiefes psychologisches Loch fallen, nicht wissend, wie ich meine Tage vor ihr jemals sinnvoll füllen konnte und daran verzweifelnd, wie ich das ohne sie jemals wieder schaffen werde. Natürlich verdiene ich als Radsportjournalist gerade während und dank ihr Geld. Natürlich bin ich maßgeblich sogar durch sie 1994 zum Radsport gekommen. Trotzdem: Die Tour de France ist doof!

Meine Probleme mit der Tour begannen 2004. Ich besuchte den Prolog in Lüttich. Drei Stunden mit dem Zug hin. Der 6,1 Kilometer lange Parcours war komplett überlaufen. Ich stand irgendwo in der siebten Reihe und habe weder den Sieger Fabian Cancellara noch Lance Armstrong oder Jan Ullrich wirklich gesehen. Am Bahnhof wurden wir in einer riesigen Menschenmenge im Untergeschoss eingepfercht. Als ich mit meinem Megafon – denn das war damals natürlich immer dabei – anfing “Wir sind das Volk! Die Mauer muss weg!“ zu rufen, schlug die einst gemütlich genervte Stimmung um und jenes Volk wurde äußerst ungemütlich. Die Tour war zu groß geworden!

Horrorszene von der Tour de France 2004 in Lüttich | Foto: Cor Vos

___STEADY_PAYWALL___

2012 kehrte sie zurück nach Lüttich. Ich war wieder dabei. Dieses Mal mit Auto und Fahrrad. Es wurde eine große Schleife durch die Ardennen gefahren und ich wollte das Feld mit dem Rad dreimal abfangen. Als ich um neun Uhr von außen zur Schleife kam und reinwollte, durfte ich die Straße schon nicht mehr mit dem Auto überqueren. Die Profis waren vermutlich kaum beim Frühstück, aber die gesamten Ardennen waren bereits abgesperrt. Die Tour war verrückt geworden!

2006 besuchten meine Familie und ich die Etappe in Südlimburg. Wir fuhren mit dem Rad vom Ferienhaus zur Bergwertung Eyserweg. Dort haben wir vier Stunden in den brütenden Sonne gestanden. Irgendwann passierte die Reklamekaravane und hat uns mit Müll beworfen. Das Feld kam später – und war nach rund einer Minute schon wieder weg. Dass Matthias Kessler die Etappe gewonnen hatte, erfuhren wir erst zwei Stunden später. Wir waren verrückt geworden!

Free Mathieu!

Mathieu van der Poel hat bei der Tour de France bisher wenig Spaß. | Foto: Cor Vos

Radrennen besuche ich weiterhin gern, im Sommer und vor allem im Winter. Doch die Tour lasse ich dabei inzwischen eifrig außen vor; zu voll, zu groß, zu verrückt. Mehr Menschen sollten das übrigens tun. Allen voran viele Radsportler – und das ist der eigentliche Anlass für diesen Kommentar. Mathieu van der Poel (Alpecin – Premier Tech) wurde in Bordeaux gefragt, aus was er seinen Spaß bei dieser Tour de France bisher geholt habe. Der Niederländer muss lachen, lässt eine Pause und sagt dann – grammatikalisch nicht ganz kohärent - “Nicht so richtig viel.“

Aber Grammatik hin oder her – er hat natürlich Recht. Ein Fahrer wie van der Poel ist bei der Tour de France verschenkt. Er ist einer der aufregendsten Athleten des Sports. Richtig eingesetzt, ist er ein Garant für Feuerwerk und große Erfolge. Bei der Frankreich-Rundfahrt ist er einer von jetzt noch 176 Aktiven. Feldfüllung. Einmal versuchte er aktiv in eine Gruppe zu gehen, in Bordeaux zog der Rekordweltmeister im Cross den Sprint mustergültig für Jasper Philipsen an, der nicht vollenden konnte.

Geld > Sport

Warum bleibt van der Poel dann nicht einfach zu Hause und verbringt seine Renntage bei den Wettkämpfen, wo er der echte van der Poel sein kann? Weil die Tour eben die Tour ist. Das Sponsoreninteresse ist so groß, dass selbst ein unsichtbarer van der Poel unverzichtbar für die Geldgeber seiner Mannschaft ist. Das Sportliche tritt in den Hintergrund.

Allein auf weiter Flur fuhr Ben O'Connor auf der 6. Etappe dem großen Nichts entgegen. | Foto: Cor Vos

Van der Poel ist das Paradebeispiel, aber im Feld tummeln sich noch wesentlich mehr Profis, die ein viel besseres Einsatzgebiet als eine dreiwöchige Rundfahrt finden würden. Kletterer und Sprinter sind meist gefragt und einige Mannschaften benötigen tatsächlich einen Leadout-Zug. Ansonsten hoffen viele Fahrer auf eine der wenigen Chancen als Ausreißer. Andere sind sogar mit noch weniger zufrieden. Der Tourvierte von 2021, Ben O’Connor (Jayco – AlUla), rieb sich nach Gavarnie-Gèdre am sechsten Tag des Rennens völlig übermotiviert in der Anfangsphase der Etappe als Solist auf. Sein einziges Ziel konnten dabei Fernsehminuten sein.

Viele Fahrer sind wie ich mit der Tour de France aufgewachsen und träumen - im Gegensatz zu mir, übrigens - von einer Teilnahme oder sogar Triumphen bei ihr. Viele kommen gern jedes Jahr wieder, obwohl sie seit geraumer Zeit bei kleineren Rennen viel größere Erfolge feiern könnten, statt dem inzwischen aussichtslosen Traum hinterherzujagen. Die Tour de France hat durch ihre Größe und ihre Verrücktheit weiterhin auch auf sie eine enorme Anziehungskraft. Aber eigentlich ist klar: Die Tour de France ist doof!

Mehr Informationen zu diesem Thema

17.08.2026Seixas klärt Zukunftsfrage bei Kriterium in Etten-Leur

(rsn) – Paul Seixas (Decathlon – CMA CGM) hat seine Auszeit nach seinem vierten Platz bei der Tour de France beendet und bei einem Kriterium im niederländischen Etten-Leur teilgenommen. Am Rande

09.08.2026Kanter nahm für die Zukunft viel von der Tour mit

(rsn) – Zwei Wochen nach seinem vierten Platz auf den Champs-Élysées in Paris, mit dem er ein starkes Tour-Debüt abschloss, setzt Max Kanter wieder auf dem Rad. Allerdings lässt es der Sprinter

02.08.2026Rubio: “Können daran arbeiten, dass sich so was nicht wiederholt“

(rsn) – Ermals nach seinem schlimmen Sturz auf der 19. Etappe der Tour de France hat sich Einer Rubio zu Wort gemeldet. “Es sind nun einige Tage seit dem Unfall bei der Tour de France vergangen, u

31.07.2026Vingegaard: “Haben die Tour vielleicht falsch eingeschätzt“

(rsn) – Als Jonas Vingegaard (Visma – Lease a Bike) auf der 15. Etappe der Tour de France stürzte und mit einem Schlüsselbeinbruch ausschied, lag er auf Rang zwei im Klassement bereits ziemlich

28.07.2026Seixas: “Bin stolz auf den vierten Platz in der Gesamtwertung“

(rsn) – Zum Podium in Paris hat es trotz aller Bemühungen nicht mehr gereicht, doch mit Platz vier bei seinem Debüt bei der Tour de France (2.UWT) kann Paul Seixas (Decathlon – CMA CGM) mehr als

28.07.2026Plugge zu nächtlicher Kontrolle: “Hat unserem Team geschadet“

(rsn) – In der Nacht vom 18. auf den 19. Juli gab es bei der Tour de France 2026 nächtliche Dopingkontrollen - und zwar bei den beiden besten Fahrern im Klassement. Jonas Vingegaard (Visma - Lease

27.07.2026Grün ist abgehakt! Jetzt jagt Pedersen ein Monument

(rsn) – Mit zwei Zielen war Lidl – Trek zur Tour de France 2026 gereist: Etappensieg(e) und Grünes Trikot für Mads Pedersen! Der Däne bekam dazu fast ein ganzes Team an Helfern abgestellt. Der

27.07.2026Nach dieser Tour träumen Evenepoel und Denk von mehr

(rsn) – Am Ende wurden beide Ziele erreicht. Red Bull – Bora – hansgrohe blickt nach zwei Etappensiegen und dem zweiten Platz im Gesamtklassement von Remco Evenepoel auf eine erfolgreiche Tour d

27.07.2026Degenkolbs elfte war seine letzte Tour: “Kann gut damit leben“

(rsn) – Die Schlussetappe seiner letzten Tour de France (2.UWT) beendete John Degenkolb (Picnic – PostNL) auf dem 89. Platz. Aus ganz anderen Gründen jedoch wird ihm seine Abschiedsvorstellung au

27.07.2026Philipsen nimmt die Beine hoch, damit van der Poel sicher siegt

(rsn) - Ein unglaublich spannendes Finale und eine ganz große Geste auf den Champs-Élysées krönten diese 113. Tour de France. Jasper Philipsen (Alpecin – Premier Tech), der mit der größten Ges

26.07.2026Tränen statt Triumph: Kanter Vierter auf den Champs-Élysées

(rsn) - Die Emotionen übermannten Max Kanter (XDS - Astana) im Ziel der Tour de France. Sichtlich gerührt und enttäuscht zeigte sich der Deutsche über seinen vierten Platz auf der finalen 21. Eta

26.07.2026Der neue Pogacar: Bei dieser Tour mehr als nur ein Seriensieger

(rsn) - Tadej Pogacar (UAE - Emirates – XRG) erwies sich bei dieser Tour de France als Sieger aller Klassen. Der Slowene ist als souveräner Radsportkönig in Paris eingefahren. Den Stadtberg Montm

Weitere Radsportnachrichten

25.08.2026Sind am ersten Tag auf spanischem Boden die Sprinter dran?

(rsn) – Am fünften Tag erreicht die Vuelta a Espana die Iberische Halbinsel. Südlich von Barcelona könnte sich nahe der Mittelmeerküste ein Tauziehen zwischen den Ausreißern und Sprintern ent

25.08.2026Liste der ausgeschiedenen Fahrer / 4. Etappe

(rsn) - 184 Fahrer aus 23 Teams nahmen die Vuelta a Espana 2026 beim Auftaktzeitfahren in Monaco in Angriff. Nicht alle werden das Ziel an der Alhambra in Granada im Süden Spaniens erreichen. Stürz

25.08.2026Onley: “Wir fahren unser eigenes Rennen“

(rsn) – Tadej Pogacar (UAE - Emirates - XRG) dominiert die Vuelta a Espana 2026  weiter nach Belieben. Auf der 104,8 Kilometer langen Schleife mit Start und Ziel in Andorra la Vella attackierte der

25.08.2026Nächster Meilenstein: Pogacar siegt mit 50-km-Solo

(rsn) – Mit einem 50-Kilometer-Solo hat Top-Favorit Tadej Pogacar (UAE – Emirates – XRG) bereits auf der 4. Etappe der 81. Vuelta a Espana (2.UWT) für klare Verhältnisse gesorgt. Der Weltmeist

25.08.2026Novak und Riska schrammen am Podium der West Bohemia Tour vorbei

(rsn) - Die parallel zur Tour de l’Avenir ausgetragene West Bohemia Tour (2.2U) konnte auch ohne einige der international stärksten U23-Fahrer ein gut besetztes Feld vorweisen. An den vier Renntag

25.08.2026Finn pariert auf Königsetappe alle Angriffe und baut Führung aus

(rsn) – Lorenzo Finn (Red Bull – Bora – hansgrohe) hat mit einer souveränen Vorstellung auf der Königsetappe der 62. Tour de l´Avenir (2.2U) seine Führung im Gesamtklassement ausgebaut und n

25.08.2026Neue Shimano Dura Ace: 13 Gänge für die Flaggschiff-Gruppe

(rsn) - Sie wäre langsam fällig, zumindest wenn man auf die letzten Produktzyklen der Dura Ace Schaltgruppe schaut. 2016 kam die Dura Ace 9100 auf den Markt, fünf Jahre später die 9200. 2026 würd

25.08.2026Hotel wird mit “Hagelschauer“ an 5-Sterne-Bewertungen belohnt

(rsn) – Der IGESA Village Club Les Sorbiers in Mont-Louis kann sich seit Montagabend vor 5-Sterne-Bewertungen bei seinen Google-Rezensionen kaum mehr retten. Nachdem im Hagelsturm der 3. Etappe bei

25.08.2026Lidl-Trek-Talent O’Brien wird Profi bei Pinarello

(rsn) - In unserem ständig aktualisierten Transferticker informieren wir Sie regelmäßig über Personalien aus der Welt des Radsports. Ob es sich um Teamwechsel, Vertragsverlängerungen oder Rücktr

25.08.2026“Eine unvergessliche Woche“: Drei Teams, drei Erfolgsgeschichten

(rsn) - Neun WorldTour-Teams, ein Weltklasse-Feld um Gesamtsieger Isaac Del Toro (UAE - Emirates - XRG) und Zuschauer, die sich an den Anstiegen in fünf, sechs oder sieben Reihen drängten: Die Lidl

24.08.2026Die Highlight-Videos der Vuelta a Espana

(rsn) – Für Leser und Leserinnen, die lieber schauen statt lesen, bietet radsport-news.com die Highlight-Videos. Die Eurosport-Mitschnitte aller 21 Teilstücke der diesjährigen Vuelta a Espana (2.

24.08.2026Pogacar macht den Patron und winkt das Feld von der Strecke

(rsn) - Dem Patron des Pelotons war es zu viel. Tadej Pogacar (UAE - Emirates - XRG) hob die Hand, wies auf eine Ausfahrt und fuhr mit seinen Kollegen im Schlepptau von der Strecke. Auf der 3. Etappe

RADRENNEN HEUTE

    WorldTour

  • Vuelta a Espana (2.UWT, ESP)
  • Radrennen Männer

  • TPC en Nouvelle-Aquitaine (2.1, FRA)
  • Tour de l`Avenir (2.2u, FRA)