RSNplusKolumne zum größten Radsportler der Welt

Kempfs Senf: Mathieu ist anders!

Von Kevin Kempf

Foto zu dem Text "Kempfs Senf: Mathieu ist anders!"
Unser Redakteur Kevin Kempf hat kurzzeitig alle einem Radsportjournalisten gebührende Neutralität über Bord geworfen. | Foto: Kevin Kempf

13.07.2026  |  (rsn) – Wir schreiben das Jahr 2011. Es ist Februar. David van der Poel hatte gerade bei den Junioren die Cross-Saison dominiert, bis auf die WM in Tabor hatte er fast alles gewonnen. Ich sprach mit Koen Weijers, einem niederländischen Weltklassejunior jener Zeit und fragte ihn, wen er denn nächstes Jahr in dieser Altersklasse ganz vorn erwarte. Seine Antwort bestand aus nur einem Wort: “Mathieu!“

Gemeint war - der Leser ahnt es vermutlich – Mathieu van der Poel. Der hatte bei der U17 alles gewonnen, was ging. Ob ein jüngerer Jahrgang denn gleich bei den Junioren, wenn es auch international interessant wird, würde einschlagen können, fragte ich. Die Antwort war wieder kurz. “Mathieu ist anders.“

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Mathieu war anders. Er gewann im folgenden Winter 24 seiner 26 Rennen. Im zweiten Junioren-Jahr folgte eine perfekte Saison mit 25 Erfolgen. Mit drei Weltmeistertiteln ging er in die U23. Drei? Drei! Denn “zwischendurch“ entdeckte der Niederländer auch die Straße für sich, wo er 2013 ebenfalls eine Siegquote von fast 50 Prozent auf UCI-Level erreichte und in Florenz das Regenbogentrikot eroberte.

Kalte Hände: Mathieu van der Poel im Dezember 2010 beim Cross in Moergestel, das er natürlich bei der U17 im Schnee gewonnen hatte. | Foto: Kevin Kempf

Auch in der U23 war van der Poel nicht zu bremsen. Er stieg von der Nachwuchsmannschaft IKO Enertherm – BKCP zu BKCP – Powerplus auf. Ein Crossteam, das dank seines Nachwuchsstars stets größere Straßenambitionen entwickelte und letztendlich zu dem Alpecin – Premier Tech auswuchs, für das der Niederländer auch heute noch fährt.

Ein Team, das deinen Namen trägt

Im Winter feierte er seinen ersten Profisieg im Cross, musste sich aber bei der WM in Hoogerheide vor heimischen Publikum im U23-Rennen dem ein Jahr älteren Wout van Aert geschlagen geben. Den hatte er zwei Saisons zuvor bei den Junioren noch klar hinter sich gelassen. Die Rivalität begann schon damals deutliche Formen anzunehmen, nicht zuletzt weil sich die zwei Kontrahenten zu jener Zeit auf den Parcours zweimal am Rande der sportlichen Fairness bekämpften.

Die erste U23-Straßensaison brachte bereits die ersten vier Siege auch dort, und Platz zehn bei der U23-WM. Im anstehenden Winter gelang van der Poel der definitive Durchbruch in die Weltelite des Querfeldein. Er gewann seine ersten Wertungsrennen und wurde Weltmeister bei der Elite – natürlich vor van Aert. Der Weg zu den Straßenprofis, also vom Continental- zum ProContinental-Team erfolgte erst 2019, ein Jahr später stieg der Rennstall mit dem neuen Sponsor Alpecin direkt in die WorldTour auf.

Da hatte van der Poel mit Dwars door Vlaanderen und dem Amstel Gold Race bereits seine ersten WorldTour-Rennen gewonnen. Außerdem hatte er nebenbei eine Karriere auf dem Mountainbike begonnen, wo er in einer Saison acht Weltcupsiege und WM-Bronze geholt hatte.

Dreifach Weltklasse

Der Allrounder war inzwischen in drei Disziplinen des Radsports absolute Weltklasse – und er war dabei den Straßenradsport zu revolutionieren, denn - wir erinnern uns – "Mathieu ist anders". Bei Klassikern hat er im Alleingang das Vorfinale abgeschafft, jene Zeit 80-30 Kilometer vor dem Ziel, in der die Fahrer aus der zweiten Reihe versuchten zu antizipieren, um mit den Kapitänen ins echte Finale zu kommen. Statt zur absoluten Ausnahme und meist nur bei Paris-Roubaix wurden Monsterangriffe Stunden vor der Ziellinie bei van der Poel plötzlich zum Regelfall. Tadej Pogacar? Nichts als ein billiger Nachahmer!

In Glasgow wurde van der Poel 2023 Weltmeister | Foto: Cor Vos

Und warum das Ganze? Weil es geht. Weil es Spaß macht. Weil van der Poel – wie Pogacar – Lust auf Radrennen hat. Beide suchen nicht den einfachsten, kräfteschonendsten Weg. Sie suchen die Freude am Wettkampf, das Feuerwerk, die Lust am Spektakel. Und das nicht “nur“ bei den großen, epischen Rennen. Van der Poel zeigt solche Vorstöße auch bei Etappen der BinckBank Tour oder Tirreno-Adriatico. Weil er es kann. Nicht weil es unbedingt Sinn ergibt. Und nicht immer ist er erfolgreich, wie zum Bespiel bei der nur knapp gescheiterten 174-Kilometer-Duo-Flucht mit Teamkollege Jonas Rickaert bei der Tour 2025.

Wo Pogacar diesen Ansatz inzwischen so sehr perfektioniert hat, dass sich viele Radsportfans über Langeweile beschweren, muss sich van der Poel diesen Vorwurf noch nicht gefallen lassen. Bei ihm wechseln sich heroische Niederlagen mit glorreichen Triumphen ab, zumindest auf der Straße. Im Cross ist er in den letzten Jahren eine Klasse für sich.

Er lässt Kombi-Stars wie van Aert, Tom Pidcock, Tim Merlier, Quinten Hermans, Gianni Vermeersch, Ton Aerts oder Emiel Verstrynge und die gesamte Vollzeit-Querfeldein-Elite aussehen wie kleine Schuljungs. Mühelos zieht er ihnen im Winter wöchentlich davon, zeigt Crosssport in bedingungsloser Perfektion, Poesie in Bewegung. Alleiniger Rekordweltmeister bei der Elite ist er mit acht Titeln schon, die “Zehn“ wird als mögliches Ziel genannt.

Das Ende ist der Beginn etwas Neuen

Und da kommen wir zu einem großen Problem, das seine Konkurrenten - gerade im Offroadbereich – vermutlich nicht als solches, sondern eher als erlösenden Gedanken wahrnehmen: Früher oder später wird auch bei van der Poel mal Schluss sein. Udo Bölts, Rolf Aldag, Stefan Schumacher, Robert Wagner, Philip Walsleben, Marcel Meisen – die ganz Großen meiner persönlichen Radsportfankarriere haben mich irgendwann alle im Stich gelassen. Natürlich ist Mathieu anders. Trotzdem befürchte ich, dass auch er irgendwie ein Mensch ist und sein liebstes Spielzeug an den Nagel hängen wird – und dieser Moment rückt beim 31-Jährigen unweigerlich näher, zumal er im Januar auch erstmals Vater werden wird.

In Ussel gewann van der Poel am Sonntag seine dritte Touretappe. | Foto: Cor Vos

Nachdem der Teenager von damals mich bald zwei Jahrzehnte in den warmen und den kalten Monaten auf meinem Weg verfolgt hat, kann ich mir den Sport ohne ihn kaum noch vorstellen. Ich kann nur hoffen, dass seine Art, Rennen zu fahren nach ihm und Pogacar weiterleben wird. Dass die Lust am Radsport auch bei jüngeren Fahrern gern mal gegen die Vernunft und die Wattmesser siegen wird.

Denn bei aller dem Job als Radsportjournalisten gebührenden Neutralität: Von Mathieu muss man doch auch Fan sein!

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