RSNplusPicnic - PostNL entwickelt Sicherheitssystem

Ein Airbag für die Profis bei der Tour de France?

Von Tom Mustroph

Foto zu dem Text "Ein Airbag für die Profis bei der Tour de France? "
Piet Rooijakkers zeigt den Airbag gemeinsam mit Picnic-Profi Warren Barguil. | Foto: Marijn Sourbron

13.07.2026  |  (rsn) - Der Straßenradsport wird immer gefährlicher. Das lässt sich auch an den Sturzstatistiken ablesen. 276 Mal mussten Radprofis in diesem Jahr nach Stürzen Wettkampfpausen einlegen, besagt die entsprechende Statistik von procyclingstats.com. Vor drei Jahren waren es zum gleichen Zeitpunkt noch 204, 2024 deren 234. Nummer 234 damals war Primoz Roglic mit seinem Sturz bei der Tour.

Dass die Mensch-Maschine-Systeme immer schneller werden, ist sicher ein Faktor für die steigenden Sturzzahlen. Reaktionszeiten schrumpfen, schmerzhafte Bodenberührungen nehmen statistisch zu.

An einem Weg aus dem Dilemma arbeitet derzeit unter anderem der niederländische Rennstall Picnic - PostNL. Ex-Profi Piet Rooijakkers ist dort mittlerweile als Chef der Entwicklungsabteilung angestellt. Und er verfolgt gemeinsam mit Ingenieuren und Designern der belgischen Firma Aerobag die faszinierende Idee, einen Airbag für Radprofis und Radamateure zu entwickeln. ___STEADY_PAYWALL___

Eine Art Rucksack mit Kartusche unter dem Trikot

Den Prototyp stellte Rooijakkers auch am Rande der Tour de France vor. "Im Grunde genommen hat man so eine Art Rucksack an. Auf dem Rücken ist eine Kartusche, die das System auslöst", beschrieb Picnic-PostNL-Profi John Degenkolb gegenüber RSN die Funktionsweise. Einmal ausgelöst füllt sich der Rucksack, von dem Degenkolb sprach, mit Luft.

"Damit werden die Schulterpartie, der Rücken und der Nacken geschützt", konstatierte Degenkolb. Bis an den unteren Rand des Sturzhelms wölbt sich der Airbag, schützt also die gesamte Wirbelsäule.

Rooijakkers zeigt die Kartusche auf dem Rücken von Warren Barguil. | Foto: Marijn Sourbron

"Ursprünglich wollten wir vor allen Dingen das Schlüsselbein schützen", erklärte Rooijakkers, und nahm damit eine der ganz typischen Verletzungen im Straßentadsport in den Blick. "Aber wir haben nach ersten Versuchen gemerkt, das ist schwierig. Denn es ist eine andere Form von Druck, die das Schlüsselbein brechen lässt. Was wir jetzt schützen, sind vor allem Rippen, Becken, Wirbelsäule und Hals."

Wann auslösen, wann nicht?

Kniffligster Part der Entwicklung ist das Auslösesystem. Denn der Airbag soll ja schon aufgeblasen sein, bevor ein stürzender Fahrradbenutzer auf den Boden kracht. Niemand will allerdings auch mit aufgepumptem Airbag wie ein Michelinmännchen aussehen, nur weil man mal eine Vollbremsung oder einen hübschen Jump gemacht hat.

"Es funktioniert so: Es gibt fünf Sensoren, jeweils für die x-, y- und z-Achse sowie Beschleunigungsmesser für erhöhte und verminderte Geschwindigkeit. Dahinter steckt ein Algorithmus, der das System blockiert, wenn es nur eine Veränderung bei einer der Achsen gibt", erläuterte Rooijakkers. Das heißt, es muss schon heftige Bewegungen sowohl zur Seite wie nach oben oder unten geben, damit das System auslöst.

Degenkolb berichtete, dass Entwickler Rooijakkers den Prototypen auch selbst ausprobiere. "Ich habe ein Video gesehen wie unser R & D-Experte das auch auf einer Weichbodenmatte ausprobiert hat. Er ist gefahren, hat dann einen Überschlag simuliert. Und vor dem Aufprall, obwohl da noch eine Weichbodenmatte einen halben Meter über dem Boden lag, war da schon der Airbag ausgefahren", sagte Degenkolb.

"Ich bin der Crash-Test-Dummy"

Rooijakkers bestätigte das lachend: "Ja, ich bin der Crashtest-Dummy. Das Team kann nur in begrenztem Maße unterstützen. Wir haben auch unser Nachwuchsteam, das ebenfalls involviert ist in das Projekt, aber nur im Training."

Er hält den Airbag für ähnlich revolutionär wie es vor vielen Jahren die Einführung des Helms war. Auch Degenkolb findet die Sache prinzipiell gut. "Ich finde es spannend, dass man auch bei solchen Dingen herumtüftelt, und dass es auch Firmen gibt, die da Geld und Zeit investieren, um dort neue Innovationen in unseren Sport zu bringen." Das ist das Ungewöhnliche an diesem Ansatz. Viel Geld und Manpower wird ja schon ins immer schneller, immer leichter, immer aerodynamischer investiert. Ans immer sicherer denkt man vor allem dann, wenn wieder mal ein schlimmer Sturz geschehen ist.

Aktuell noch deutlich sichtbar, auch vor dem Auslösen: Der Airbag unter dem Trikot. | Foto: Marijn Sourbron

Bei Picnic - PostNL lassen zwar die sportlichen Erfolge derzeit auf sich warten. Ein magerer Sieg steht in dieser Saison bislang zu Buche, erreicht von Casper van Uden bei der Türkeirundfahrt. Immerhin ein Top 5-Ergebnis gab es bei dieser Tour nun am Samstag n Bergerac mit Sprinter Pavel Bittner. Aber in Sachen Sicherheitsforschung gehört der niederländische Rennstall zu den Branchenpionieren.

"Schon vor zehn Jahren begannen wir, mit schützenden Materialien auf der Kleidung zu arbeiten, um die Fahrer vor Schürfwunden zu schützen", erinnerte Rooijakkers. Ergebnis war das Dyneema-Material. "Ja, das ist durchaus so, dass wenn man genau dann auf die Stelle stürzt, wo das angebracht ist", sagte Degenkolb und zeigte auf den Bereich von Hüfte und Außenseite des Oberschenkels, "dann entstehen da durchaus weniger Schürfwunden. Natürlich ist man nicht komplett dagegen gefeit, dass dann gar nichts mehr ist. Prellungen hat man ja weiter. Aber wenn diese Hautabschürfungen ein paar Zentimeter keiner sind und auch weniger tief, ist das auf jeden Fall hilfreich." Bei der Tourmalet-Etappe verzichtete Degenkolb übrigens auf die Dyneema-Einlagen. Zuviel Gewicht, darf man vermuten.

Gewicht ein Problem? Nicht wenn es verpflichtend wird!

Gewicht ist natürlich auch beim Airbag ein Faktor. "Aktuell wiegt das System 600 Gramm. Mit ein paar schlauen Köpfen, die sich da zusammensetzen, wird man sicher noch 100 bis 150 Gramm einsparen können", prognostizierte Rooijakkers. Er wie auch Degenkolb halten die Gewichtsfrage aber für nicht mehr relevant, wenn der Radsportweltverband UCI das System erstmal für verpflichtend für den Hochleistungssport erklärt.

"Grundsätzlich ist das etwas, was man in den Sport mit integrieren müsste, wo jeder das dann fahren muss. Dann ist es im Endeffekt egal, ob das jetzt 200 oder 600 oder vielleicht auch 800 Gramm sind. Wenn es der Sicherheit dient, ist es einfach hilfreich", betonte Degenkolb. Rooijakkers hält es allerdings für wahrscheinlicher, dass Degenkolbs Sohn einst davon profitieren könnte und weniger der Senior. Im Wettkampf ausprobiert werden soll es frühestens nächstes Jahr.

Interessierte Journalisten bei der Präsentation des Airbags am Rande der Tour de France. | Foto: Marijn Sourbron

"Grundsätzlich verboten ist es nach UCI-Reglement auch nicht", sagte Rooijakkers. Radamateure, die auf Sicherheit setzen, können die erste Generation des Produkts übrigens schon jetzt bei Aerobag erwerben. Alle Komponenten zusammen kommen laut Website auf um die 1.100 Euro.

Perspektivisch soll das System dann aber direkt in die Rennkleidung integriert werden: Dyneema-Schutz gegen Schürfwunden außen und zwischen den Trikotlagen der Airbag gegen Knochenbrüche. Das klingt gut. Allerdings bleibt abzuwarten, ob das Schutzsystem nicht auch kontraproduktive Seiten hat – beispielsweise bei Hitze-Etappen wie aktuell oder wenn es den einen oder anderen Fahrer sogar ermutigt, noch mehr Risiko zu nehmen. Aber erst einmal muss das System kommen.

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