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25.07.2026 | (rsn) - Alle Träume ausgeträumt. Durch einen gleich doppelten Sturz von Sepp Kuss hat das Team Visma – Lease a Bike auf der 20. Etappe der 113. Tour de France (2.UWT) ihr nächstes Drama erlebt. Der US-Amerikaner war in die Bresche gesprungen für den sechs Tage zuvor gestürzten und ausgeschiedenen Kapitän Jonas Vingegaard, um noch einen Etappensieg in den Bergen zu sichern.
Bei beiden Etappen hoch nach Alpe-d’Huez war er in der Fluchtgruppe. Auf der 19. Etappe zerstörte Tadej Pogacar alle seine Sieg-Träume. Am Tag darauf, ebenfalls mit Finale in Alpe-d’Huez, war er es selbst, der seine Hoffnungen und die seines Teams brachial zertrümmerte.
Auf dem Weg vom Col de Sarenne nach in den berühmten Skiort stürzte er gleich zwei Mal. "Ich bin so bis ans Limit gegangen, dass ich die Kurven falsch eingeschätzt habe", schätzte er im Blitzinterview im Ziel selbst die Situation ein. "Nach dem ersten Mal habe ich noch versucht, die verlorene Zeit wieder aufzuholen. Dann habe ich die Kurve erneut falsch eingeschätzt", sagte er über seine beiden Stürze innerhalb von nur drei Kilometern. ___STEADY_PAYWALL___
Kuss selbst fuhr dabei der Schreck in die Glieder – wie allen, die die Bilder im Fernsehen sahen: Er schrammte an der Betonmauer entlang, die ihn vor einem schlimmen Absturz in die Tiefen des Alpentals bewahrten. "Es war beängstigend", atmete er noch einmal tief durch. Und sozial wie er ist und respektvoll gegenüber eigentlich allen Menschen, bekundete er: "Es tut mir leid für meine Frau und meine Familie, die zugeschaut haben."
Chapeau! Da riskiert einer Leib und Leben. Und seine ersten Gedanken gehen an seine Liebsten, die einen Riesenschreck bekommen haben.
Sepp Kuss als Solist am Col de Sarenne. | Foto: Cor Vos
Mit seinen beiden Stürzen war dann auch jegliche Hoffnung auf einen Bergetappensieg seines Teams dahin. "Das ist natürlich bitter. Wir haben viel investiert, hatten vier Mann in der Ausreißergruppe. Davide (Piganzoli) war dabei, nachdem er ein paar eher schlechte Tage hatte. Auch Matteo (Jorgensen) war dabei. Und Bruno (Armirail) konnte seinen Job tun. Das war richtig gut", sagte Vismas Sportchef Marc Reef RSN.
Die Königsetappe entwickelte sich dann auch weiter getreu dem Matchplan aus dem Hause Visma – Lease a Bike, wie Reef weiter erzählte. "Wir fingen an, am Telegraphe und Galibier richtig daran zu glauben. Wir sahen, dass UAE nicht mehr das Potential hatte, die Lücke zu schließen. Bahrain wollte die Position von (Lenny) Martinez schützen. Aber die anderen Teams konnten die Lücke auch nicht schließen", analysierte Reef das zweite Drittel der Königsetappe. Und als sich Kuss ganz vorn dann auch noch vom Australier Jai Hindley (Red Bull – Bora - hansgrohe) und dem nimmermüden Bergkönig Richard Carapaz (EF Education - EasyPost) am Col de Sarenne lösen konnte, schien alles bereitet für die Genugtuungsparty beim niederländischen Rennstall.
Aber wenn das Pech zuschlägt, dann schlägt es richtig zu. Kuss kam, wie oben gesagt, gleich zwei Mal zu Fall. Carapaz zog an ihm vorbei. Und auch noch Remco Evenepoel fing ihn auf den letzten Metern der Etappe ab, während Pogacar an diesem Tag damit zufrieden war, seinen Lieblingskumpel Isaac Del Toro sicher auf den dritten Podiumsplatz geleitet zu haben.
Trostpreis: Sepp Kuss wurde in Alpe d'Huez als 'Kämpferischster Fahrer' geehrt. | Foto: Cor Vos
Kuss war todunglücklich, vor allem für sein Team. "Nachdem Jonas ausgeschieden war, haben wir jeden Tag das Beste daraus gemacht. Leider konnte ich dem Team für seine Arbeit nichts zurückgeben, aber wir können stolz darauf sein, wie wir damit umgegangen sind", meinte er. Abschließendes Fazit: "Man kann nicht immer erwarten, dass alles nach Plan läuft."
Nun, bei dieser 113. Tour de France lief so gut wie gar nichts nach den Plänen des nominell zweitbesten Rennstalls in diesem Gewerbe. Natürlich, mit breiter Brust war Visma – Lease a Bike in diese Tour de France gestartet. "Alle Mann für Jonas“, lautete die Devise. Und der frisch gebackene Giro-Sieger aus Dänemark fühlte sich auch frisch genug fürs Double. Er wollte, wieder, Pogacar entthronen.
Und am Anfang lief es auch prächtig. Vingegaard vollendete eine bravouröse Teamleistung beim Mannschaftszeitfahren am ersten Tag und konnte sich endlich wieder das Gelbe Trikot überstreifen. 1.077 Tage dauerte seine Gelb-lose Zeit bei der Tour an. Es war ein gutes Omen, dachte man.
Nach dem Auftakt-Teamzeitfahren strahlte Vingegaard in Gelb. | Foto: Cor Vos
Schnell aber wurden er und auch sein Team durch Pogacar und dessen formidable UAE-Truppe auf die Position der zweiten Geiger zurückversetzt. Vingegaard selbst äußerte die Hoffnung, in der dritten Woche den Unterschied zu machen und Pogacar beim Alpe-d’Huez-Doppel der 19. und 20. Etappe noch ein paar Minuten abzunehmen. Wie jeder weiß, er kam nicht einmal in die dritte Woche. Sein trauriger Crash im Kreisverkehr auf Etappe 15 machte alle Pläne zunichte. Und der gesamten Rundfahrt war auch, zumindest in Sachen Gesamtwertung, jedes Spannungsmoment geraubt – wenn man vom Duell zwischen Del Toro und Paul Seixas um Rang drei absieht.
Nach dem Aus des Kapitäns wechselte das Team die Taktik. Alle Mann für Etappensiege, lautete jetzt die Devise. Mit Kuss als Tagesdritter und Tagesvierter kam man dem Ziel noch am nächsten. Bedenklich aber muss die Trainingsplaner im Hause Visma stimmen, dass trotz zahlenmäßig starker Besetzung so ziemlich jeder Fluchtgruppe in der dritten Woche nicht mehr heraussprang. Gut, Jorgenson wurde Dritter auf der 18. Etappe, da aber abgekocht von Carapaz. Und selbst der tapfere Schweizer Mauro Schmid war an diesem Tag besser.
Matteo Jorgenson, Sepp Kuss und Bruno Armirail vor dem Start der 20. Etappe in Le Bourg d'Oisans. | Foto: Cor Vos
Daher das Fazit: Die nominellen Helfer von Vingegaard waren nicht besser in Form als gute oder sehr gute Fahrer anderer Teams. Visma – Lease a Bike scheint auf die Ebene des Normalen zurückgeworfen. Denn auch als Vingegaard noch dabei war, strahlte der Bergzug sehr selten die aus früheren Jahren zuweilen gezeigte Dominanz aus.
Wout Van Aert fehlte offenbar nicht nur als Zugmaschine, sondern auch als teaminterner Motivator. Viele Lehren also, die der niederländische Rennstall aus dieser Tour de France ziehen kann und ziehen muss.