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28.09.2026 | (rsn) – Nach dem Männerrennen bei der UCI-Straßenweltmeisterschaft in Montréal waren die unterschiedlichen Gemütslagen der drei Medaillengewinner auf dem Podium schnell deutlich. Neben einem etwas ungläubigen Weltmeister Brandon McNulty (USA) stand ein sehr zufriedener Michael Matthews (Australien) mit der Silbermedaille.
Der dritte Mann im Bunde hatte hingegen nur ein schmales Lächeln auf den Lippen. Mathieu van der Poel (Niederlande) übertraf die von ihm wohl etwas tief gestapelten Erwartungen und war womöglich der stärkste Fahrer im Feld. Dennoch blieb am Ende ein bisschen das Gefühl, dass der 31-Jährige eine Chance auf sein zweites Regenbogentrikot auf der Straße verpasst hatte.
“Ich bin hierhergekommen, um Weltmeister zu werden. Aber ich bin stolz auf das Rennen, das ich gezeigt habe. Genau das hatte ich mir vorgenommen“, beschrieb van der Poel seine etwas gemischte Gefühlswelt im Ziel-Interview. Vor dem Rennen hatte der Niederländer die Erwartungen noch runtergeschraubt: “Meine Chancen sind gering.“ Um sich überhaupt eine Chance zu erarbeiten, gab es für ihn nur eine Option.
“Ich bin heute einfach nach Instinkt gefahren – wie angekündigt und wie ich es auch mag, Rennen zu fahren“, sagte er auf der Pressekonferenz nach der Podiumszeremonie. Der Instinkt sagte dem Straßenweltmeister von 2023, etwa 100 Kilometer vor dem Ziel erstmals in die Offensive zu gehen. Einige Kilometer später probierte er es noch einmal und war auf einmal Teil einer starken Spitzengruppe. “Ich wollte einfach dem Rennen voraus sein, bevor die richtigen Kletterer attackierten. Und es war einfach das, was ich heute machen wollte: Ich wollte offensiv sein“, erklärte van der Poel.
Mit Wout van Aert hatte er nicht nur seinen ewigen Rivalen aus dem Cyclocross als Begleiter, die Anwesenheit des Belgiers bedeutete auch, dass dessen Teamkollegen im Hauptfeld dahinter die Nachführarbeit einstellten. Der Vorsprung wuchs schnell auf rund 40 Sekunden an. Nach einer erneuten Tempoverschärfung, der auch van Aert zum Opfer fiel, sah es zwischenzeitlich so aus, als wäre van der Poel in einem Spitzentrio mit Quinn Simmons (USA) und Primoz Roglic (Slowenien), zu dem zuvor auch Oscar Onley (Großbritannien) noch gehört hatte, der plötzliche Top-Favorit auf das Regenbogentrikot.
Spannende Spitzengruppe: Mathieu van der Poel, Oscar Onley, Quinn Simmons und Primoz Roglic (von rechts). | Foto: Cor Vos
Doch 35 Kilometer vor dem Ziel schlossen die von van der Poel angesprochenen Kletterer um Isaac del Toro (Mexiko) und Paul Seixas (Frankreich) doch noch zu ihm und der Spitze auf. Zuvor hatten sich die Favoriten in der Verfolgung immer wieder angeschaut. “Ich habe mich gut gefühlt – sogar in Kontrolle. Man weiß nie, ob sie dahinter aufhören, zu kooperieren. Vielleicht kriegen wir auch eine Minute mehr und das Rennen ist für uns entschieden“, erklärte van der Poel. Stattdessen hatte der Alpecin-Fahrer nach dem Zusammenschluss plötzlich Probleme, nicht selbst abgehängt zu werden.
“Als es in dieser Gruppe das erste Mal den Anstieg hochging, hatte ich Probleme“, gab er zu. “Aber danach konnte ich mich erholen und war etwas weniger am Limit.“ Etwas überraschend konnten del Toro, Seixas und Co. van der Poel auf der letzten Runde am 1,7 Kilometer langen Anstieg Voie Camillien-Houde nicht mehr abhängen – es herrschte Waffengleichheit. “Ich wollte das Rennen richtig schwer machen. Am Ende hat man gesehen, dass auch die richtigen Kletterer so an den Anstiegen nicht mehr den Unterschied machen konnten. Ich glaube, es war die richtige Taktik“, berichtete er auf der Pressekonferenz.
Als der Abstand auf den zu diesem Zeitpunkt führenden Brandon McNulty (USA) an der Kuppe auf nur acht Sekunden geschrumpft war, schien der Weltmeistertitel plötzlich wieder in Reichweite. Doch zum wiederholten Mal wollte keiner in der Verfolgergruppe die Verantwortung übernehmen. “Ich glaube, es war nicht mehr meine Aufgabe, Lücken zu schließen“, erklärte van der Poel seine Herangehensweise. “Ich musste auch etwas zocken, um zu versuchen, Weltmeister zu werden. Ich habe mich dazu entschieden, nicht zu fahren.“ Somit hatte McNulty freie Bahn.
Podium mit unterschiedlichen Gefühlswelten: Zufriedener Matthews, ungläubiger McNulty und etwas weniger glücklicher van der Poel (von links). | Foto: Cor Vos
Van der Poel versuchte es am Ende der Runde sogar noch einmal selbst, doch im Kampf um die zwei verbliebenen Podiumsplätze kam es schließlich zu einem Sprint der Verfolgergruppe, in dem sich der achtfache Cyclocross-Weltmeister nur Matthews geschlagen geben musste. “Es ist die WM. Es ist immer schön, eine Medaille zu gewinnen“, so der Niederländer, um im nächsten Satz gleich zu betonen: “Aber das Ziel ist natürlich immer, Weltmeister zu werden. Das ist immer schwierig. Aber auch etwas einfacher, wenn man einmal Weltmeister war.“
Alles in allem zeigte sich van der Poel dennoch zufrieden mit Ergebnis und Leistung. “Ich habe wirklich ein gutes Rennen gezeigt – wie ich es wollte. Ich muss mit der Bronzemedaille zufrieden sein“, sagte er mit etwas Abstand auf der Pressekonferenz. “Wenn man sich die Strecke anschaut – und die war wirklich hart – habe ich eine gute Leistung abgeliefert, um auf dem Podium zu stehen.“ Damit tat es der 31-Jährige seinem Großvater, Raymond Poulidor, gleich, der vor 52 Jahren an gleicher Stelle für Frankreich Silber gewann.
“Es ist eine schöne Geschichte, aber das motiviert mich jetzt nicht mehr“, hatte ein gewohnt cooler van der Poel vor dem WM-Rennen gesagt und lachend angefügt. “Viel habe ich von diesen Weltmeisterschaften damals nicht gehört.“ Weltmeister wurde 1974 Eddy Merckx. Dessen Landsmann, Remco Evenepoel, hatte vor dem Rennen noch vor van der Poel gewarnt: “Für mich hat er eine große Siegchance. Er kann hier alle zerstören.“ Dazu reichte es am Ende nicht ganz.
Mit WM-Bronze verabschiedet sich van der Poel aus der Straßensaison 2026. | Foto: Cor Vos
Doch van der Poel zeigte wie in Zürich vor zwei Jahren, dass auch auf einem etwas anspruchsvolleren Kurs bei Eintagesrennen immer mit ihm zu rechnen ist. Ein Grund, nun auch Il Lombardia in zwei Wochen noch in Angriff zu nehmen? “Nee, nee, das hier war mein letztes Rennen für die Saison“, lachte der Niederländer über eine Frage, ob sein Start beim fünften und letzten Monument des Jahres möglich sei. Die letzte “Möglichkeit“, seine Serie von mindestens einem Radsportmonument im Jahr doch noch auf fünf auszubauen, lässt er damit erwartungsgemäß aus.
“Ich glaube, ich kann ganz zufrieden sein. Natürlich habe ich ein Monument verpasst. Aber ich kann auch nicht jedes Jahr eines gewinnen“, blickt er dennoch positiv auf 2026 zurück. “Das ist ein schöner Abschluss für die Straßensaison.“ Bezüglich der Cyclocross-Saison im Winter hat van der Poel noch keine konkreten Vorstellungen: “Ich habe noch keine Entscheidung getroffen“, erklärte der 31-Jährige, der im Januar zudem anderweitige Pläne hat. “Wir bekommen auch ein Baby. Also schauen wir mal.“
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