--> -->

24.05.2026 | (rsn) - Erster Tag im Rosa Trikot, und Jonas Vingegaard war gleich schwer beschäftigt. Auf der Schlussrunde durch die Mailänder Innenstadt schickte er auf der 15. Etappe des Giro d'Italia erst seinen Teamkollegen Victor Campenaerts zum Jurywagen. Kurz darauf machte er selbst dort seine Aufwartung. "Ich wollte meiner Verantwortung nachkommen. Ich wäre aber auch ohne Rosa Trikot zum Juryfahrzeug gekommen. Mit dem Rosa Trikot hat es aber vielleicht mehr Gewicht. Denn wir hatten uns im Peloton unterhalten. Und mehrere Fahrer waren wegen des Rundkurses besorgt“, sagte er auf der Pressekonferenz. “Im Fernsehen hat man es vielleicht nicht so gesehen, aber es war wirklich nicht der beste Belag“, fügte er an.
Sein Sportlicher Leiter Marc Reef präzisierte dann: "Es waren Zäune auf der Straße, es gab ganz ordentliche Löcher, gerade auf dem Pflaster. Die Schienen haben recht hoch rausgestanden. Besonders mit der hohen Geschwindigkeit, die das Feld gefahren ist, war das wirklich recht gefährlich.“ Er wie auch Vingegaard zeigten sich dann dankbar, dass die Jury sich aufgeschlossen präsentierte. "Sie haben uns zugehört und dann entsprechend gehandelt“, lobte der Visma-Kapitän.
___STEADY_PAYWALL___Tatsächlich hatten sich auch andere Fahrer über den schlechten Asphalt mokiert. “Der Belag war wirklich schrecklich. Es war sehr gefährlich, schreckliche Bedingungen“, meinte Uno X-Fahrer Johannes Kulset zu RSN.
Das Feld auf dem Kurs in Mailand | Foto: Cor Vos
Nicht alle aber stimmten zu. “Gut, im Hauptfeld ist es wesentlich gefährlicher als in der Fluchtgruppe“, gab Mirco Maestri, Tageszweiter eben aus der Fluchtgruppe, gegenüber RSN zu. "Aber ich habe auch schon wesentlich schlechtere Bedingungen gesehen. In Belgien etwa, da hast du alle 300 Meter einen Fahrbahnteiler, aber niemand sagt etwas. Und hier beschwert man sich wegen zwei Pavé-Abschnitten. Ich finde das etwas Borderline“, meinte er und übte weitere Kritik an den Berufskollegen. "Die meisten Stürze werden dadurch verursacht, dass die Leute einfach nicht bremsen und keinen Platz lassen.“ Auch manche altgediente Profis wie etwa der Däne Brian Holm schüttelten nur den Kopf. "Wenn das nicht mehr geht, dann geht Straßenradsport gar nicht mehr“, meinte er zu RSN.
Andererseits muss man auch sagen, wenn es an einer Straßenbahnschiene oder einem anderen Hindernis zu einem Massensturz gekommen wäre, hätte die Erregung über schlechte Bedingungen und mangelnde Sicherheit ganz andere Dezibelstärken erreicht. Und niemand wünscht es sich, dass Fahrer zu Schaden kommen.
Christian Pömer, Sportlicher Leiter bei Red Bull – Bora – hansgrohe, hielt die Juryentscheidung, die Zeiten für die Gesamtwertung Ende der vorletzten Runde zu nehmen für eine aus der Rubrik salomonisch. "Es war sicher die richtige Entscheidung“, sagte er zu RSN. Er merkte aber auch an: "Die Runde war vorher bekannt. Wir hatten heute optimale Bedingungen und ich hätte mir von so einer großen Organisation wie dem Giro gewünscht, schon vor dem Start Klarheit zu schaffen.“
Die Ausreißer auf dem Kurs in Mailand | Foto: Cor Vos
Andererseits kann man den Ball auch zu den Teams zurückspielen. Der Verlauf des Rundkurses war nicht erst seit gestern bekannt. Die Straßenbahnschienen wurden auch nicht letzte Woche verlegt. Von RSN darauf angesprochen, meinte Vingegaard ausweichend: "Ich denke, das liegt nicht unbedingt in unserer Verantwortung als Fahrer. Es ist mehr Sache der UCI und der Organisation, die Regeln zu machen und die Bedingungen zu schaffen.“ Er gab immerhin zu: "Wir haben natürlich auch unsere CPA-Gruppe, die sich darum kümmern muss. Ich denke, es sollte ein Mix aus allem sein, denn Sicherheit liegt auch im Interesse aller.“ Und ebenfalls im salomonischen Modus bekundete er abschließend: "Wir sollten nicht mit dem Finger aufeinander zeigen, sondern jeder seinen Teil der Verantwortung tragen.“
Das kann man dann als positives Fazit aus dieser Sprintetappe mit kontrovers diskutiertem Parcours mitnehmen: Die Parteien reden miteinander, hören einander zu und gelangen zu Kompromissen, die von der Mehrheit begrüßt werden. Man möchte fast die UNO einladen, sich für die Expertise der Giro-Teilnehmer zu interessieren, damit die Welt mal endlich wieder eine bessere werde.