“Das heute war ein Witz“

Peloton sauer: Einflussnahme durch Begleitmotorräder in Mailand?

Von Felix Mattis

Foto zu dem Text "Peloton sauer: Einflussnahme durch Begleitmotorräder in Mailand?"
Die Ausreißer und Begleitfahrzeuge | Foto: Cor Vos

24.05.2026  |  (rsn) – Die 15. Etappe des Giro d'Italia sollte eine für die Sprinter sein, das schien klar. Doch nach 157 Kilometern jubelte in Mailand der Norweger Fredrik Dversnes (Uno-X Mobility) als Sieger aus einer vierköpfigen Ausreißergruppe heraus, die wenige Sekunden vor dem sprintenden Hauptfeld ins Ziel kam.

Das Quartett des Tages hatte sich kurz nach dem Start gebildet, bis zu zweieinhalb Minuten Vorsprung herausgefahren und wurde dann von den Sprinter-Teams schon bald verfolgt. Rund zwei Minuten vor dem Peloton ging es in Mailand auf die vier jeweils 16 Kilometer langen Schlussrunden, mit verbliebenen 1:30 Minuten erreichten sie die letzten 30 Kilometer und 15 Kilometer vor Schluss standen noch 40 Sekunden auf der Uhr.

Bis dahin schien noch alles auf den erwarteten Massensprint hinauszulaufen. Dann aber machte sich langsam immer mehr bemerkbar, dass den jagenden Sprinter-Teams im Hauptfeld die Kräfte ausgingen. Der Vorsprung der Ausreißer wurde kaum kleiner und letztlich kamen sie tatsächlich durch.

Anerkennung aus dem Feld?

"Ich fand es ziemlich beeindruckend, wie schnell die Ausreißer gefahren sind", sagte Lidl-Trek-Sprint-Ass Jonathan Milan und auch Dylan Groenewegen (Unibet – Rose Rockets) zog in seinem ersten Statement den Hut: "Die Gruppe ist wohl stark gefahren, denke ich", sagte er und meinte: "Es war offensichtlich nicht unmöglich, denn sie haben es geschafft."

Während die Sprint-Asse, die letztlich nur noch um Rang fünf anstatt des Sieges gespurtet waren, in ihrer Wortwahl diplomatisch blieben – der Sarkasmus war ihrem Gesichtsausdruck teilweise aber doch auch anzumerken – wurden ihre Helfer, die vergeblich hinter der Spitzengruppe hergejagt waren, deutlich:

"Heute haben Motorräder leider den Ausgang des Rennens beeinflusst und das ist für uns extrem enttäuschend", sagte etwa Max Walscheid (Lidl – Trek) am Eurosport-Mikrofon. "Die Spitzengruppe hat zweifelsohne einen guten Job gemacht und ich möchte ihnen auch nichts von ihrer sportlichen Leistung nehmen", so der Heidelberger weiter, um dann aber zu erläutern: "Ich weiß, was ich selbst im Flachen kann. Ich weiß dass ich hier einer der besten Zeitfahrer bin und ich hatte sehr, sehr gute Beine. Wir sind extrem hart im Finale gefahren und wir sind kaum nähergekommen. Das ist auf unverfälschte Art und Weise praktisch unmöglich."

Ärger im Feld

Dieser Meinung war auch Elmar Reinders (Unibet – Rose Rockets). "Ich weiß nicht, was passiert ist, weil ich nicht vorne war. Ich weiß nur, dass alle Sprinter ihre ganzen Helfer verbraucht haben. Und wir haben sie trotzdem nicht mehr zurückgeholt. Das ist vielleicht nicht fürs Fernsehen, aber: Ich glaube, es war ein gutes Motorrad", sagte der Niederländer und der Belgier Fabio Van den Bossche (Soudal – Quick-Step) fügte hinzu:

"Wenn Du ein Derny-Rennen fährst, dann gibt es ein gewisses Speedlimit hinter dem Motorrad – es gibt diesen Punkt, an dem du einfach nicht mehr schneller fahren kannst. Und ich denke, heute war ein Beispiel dafür auf der Straße", meinte der 25-Jährige und erklärte: "Auf einem Rundkurs ist es als Feld schwer, schneller als die Spitzengruppe zu fahren. Wenn man von einer ein Kilometer langen Geraden 200 oder 300 Meter Windschatten hinter dem Motorrad hat, ist es für das Feld einfach schwer, noch schneller zu fahren. Wir haben heute alles dafür geopfert, um die Ausreißer einzuholen. Vier Mann gegen vielleicht 20 – aus jedem Team sicher fünf oder sechs. Das ist schwer zu glauben."

Soudals Sportlicher Leiter Geert Van Bondt pflichtete bei: "Wir haben natürlich Fernsehen im Auto und wir haben die ganze Zeit ein Motorrad vor und ein Motorrad hinter der Gruppe gesehen. Das war etwas komisch. Wenn es zwei Minuten sind, setzt man das Motorrad immer dahinter. Natürlich hat man einen großen Vorteil mit dem Motorrad davor", so der Belgier, der selten am Eurosport-Mikrofon spricht, weil das meist der mitunter recht emotionale Italiener Davide Bramati übernimmt.

Ärger bei den Teamleitern

"Brama ist erst mal im Bus geblieben, damit ich das hier in aller Ruhe sagen kann", grinste Van Bondt mit Blick auf die Gefühlslage rund ums Team von Paul Magnier vielsagend und erklärte auch, dass man schon im Rennen mit den UCI-Kommissären wegen der Begleitmotorräder gesprochen, damit aber offensichtlich nichts erreicht habe.

Die das Rennen verfälschenden Windschatteneffekte durch Motorräder oder Begleitautos, die zu nah an Spitzengruppen oder auch vor dem Hauptfeld fahren, wurden in den vergangenen Monaten und Jahren im Radsport immer wieder heiß diskutiert. Studien haben sogar gezeigt, dass beispielsweise im Zeitfahren ein den Radfahrer verfolgendes Auto aerodynamische Vorteile bringt – also nicht nur direkter Windschatten eine Rolle spielt, sondern allgemein die Zirkulation von Fahrzeugen um die Sportler. Deshalb wurde beispielsweise vor einigen Jahren verboten, auf dem Dach des Begleitfahrzeuges im Einzelzeitfahren mehrere Ersatz-Fahrräder zu montieren.

"Es ist unmöglich, dass die vier da vorne bleiben können ohne Motor-Pacing. Die Motorräder und Autos waren zu nah an ihnen dran! Es gibt genug Studien, wie Fahrzeuge Rennen beeinflussen können und es ist allgemein auch ein großes Thema aktuell. Heute gab es wieder ein Beispiel dafür", ärgerte sich auch Tim Torn Teutenberg (Lidl – Trek). “Ich glaube, jeder, der ein bisschen was vom Radsport versteht, konnte erkennen, dass es heute ein Witz war."

Auch das Feld hatte Windschatten

Die große Heldengeschichte der bärenstarken Spitzengruppe hielt sich also nur wenige Minuten, bis sie durch die Einschätzungen der Protagonisten getrübt wurde. Wie groß der Einfluss der Begleitfahrzeuge wirklich war, oder inwiefern sich die Sprinter-Teams nicht vielleicht doch auch etwas verschätzt hatten bei ihrer Verfolgung – das lässt sich natürlich überhaupt nicht beweisen oder quantifizieren.

Und klar ist: Auch vor dem Peloton fuhr auf den Schlussrunden ein Kamera-Motorrad, das Dversnes' Teamkollege Andreas Leknessund zwischenzeitlich wild gestikulierend wegschicken wollte. Letztlich sollten alle Diskussionen die Freude über den Sieg bei Uno-X nicht trüben, zumal Dversnes teamintern wohl schon vor Tagen angekündigt hatte, "die Sprinter-Teams in Mailand austricksen" zu wollen.

Trotzdem aber blieb in Mailand zumindest ein fader Beigeschmack – und vielleicht aufgrund des Vorfalls auf der großen Giro-Bühne der positive Nebeneffekt, dass die Thematik des Begleitfahrzeuge-Windschattens nun für den Weltverband kaum weiter zu ignorieren ist.

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