Weil Vingegaard dasselbe will

Ciccone gefangen im Gleichklang der Ziele

Von Tom Mustroph in Cari und Sebastian Lindner

Foto zu dem Text "Ciccone gefangen im Gleichklang der Ziele"
Hat sich Giulio Ciccone beim Giro 2026 in die falsche Richtung orientiert? | Foto: Cor Vos

26.05.2026  |  (rsn) – Es hat wieder nicht gereicht für Giulio Ciccone. Wieder. Der Kletterer von Lidl – Trek ist mit einem erneuten Ausreißversuch nicht durchgekommen. Der Italiener versucht es mittlerweile mit aller Macht, sich den angepeilten Tagessieg zu sichern und nach dem ersten Giro-Ziel, einmal ins Rosa Trikot zu schlüpfen, noch das zweite abhaken zu können.

Das Problem des 31-Jährigen: Die Tage, die er für sich heraussucht, hat auch immer Jonas Vingegaard (Visma – Lease a Bike) auf der Liste. Und eine Sache scheint bei diesem Giro gesetzt: Wenn der Däne eine Etappe gewinnen will, tut er das auch.

Ganz zum Leidwesen von Ciccone. “Es gibt wenig zu erzählen, es ist ein etwas zäher Giro“, begann er gegenüber RSN zunächst eher schmallippig, was vor allem einer gewissen Frustration geschuldet sein dürfte. “Es ist schade, weil am Ende genau auf den Etappen, wo man mit guten Beinen in die Ausreißergruppe geht, die Chancen weggenommen werden“, sagte er. In der ersten Hälfte der Rundfahrt haderte Ciccone noch mit Decathlon, jetzt ist es eher Visma.

Als Kritik will er das jedoch nicht unbedingt werten. “Ich finde, er (Vingegaard) ehrt das Trikot damit und sie sind einfach ein extrem starkes Team. Chapeau an sie, dass sie solche Tage kontrollieren können. Das gehört nämlich mit zu den schwierigsten Aufgaben. Aber natürlich ist auf der anderen Seite auch etwas Bitterkeit dabei, weil die Gelegenheiten einfach immer weniger werden", sagte der Italiener. Zum vierten Mal hat es Ciccone nun versucht, zum vierten Mal wurde er wieder gestellt.

Aufs falsche Pferd gesetzt?

“Die einzigen Chancen hast du, wenn sie (Visma) kein Interesse am Etappensieg haben und das waren bisher leider genau die Etappen, die mir vom Profil her nicht liegen“, so Ciccone. Ausreißersiege hat dieser Giro bisher reichlich gesehen, das ist keine Frage. Aus Sicht des Italieners aber immer die falschen.

Die nächsten beiden Tage hat er für sich bereits mehr oder wenige als Ruhetage abgestempelt. “Morgen und übermorgen haben wir zwei Tage, die mir auf dem Papier nicht besonders zusagen“, blickt er auf die bevorstehenden Aufgaben, um dann aber wieder die beiden Bergankünfte am Freitag und Samstag ins Auge zu fassen.

Problem an der Sache: Das wird Vingegaard mit Sicherheit ebenfalls tun. Und dann wird auch Ciccone wieder mit der Problematik konfrontiert werden, von der gelben Meute gejagt zu werden. Eventuell steigt sogar Decathlon für Felix Gall erneut mit ein. Es drängt sich also die Frage auf, ob sich der erfahrene Profi bei seinen Zielstellungen verkalkuliert hat. “Vielleicht wäre es doch besser gewesen, auf Gesamtwertung zu fahren“, brachte er so selbst etwas nachdenklich ein.

Doch das Thema hatte sich auf der 8. Etappe mit Start in Chieti erledigt, als er absichtlich Zeit kassierte, um danach vermeintlich Freiheiten für die Etappenjagd zu bekommen. Ausgerechnet in Chieti, ließe sich sagen. Es ist seine Heimatstadt.

“Von dem Moment an, in dem du dich entscheidest, nicht auf Gesamtwertung zu fahren, weißt du, dass du für die Fluchtgruppen extrem viel Energie opfern musst und dass es verdammt schwer ist, sie durchzubringen.“ Als erfahrener Etappenjäger, der es bislang auf 13 Siege gebracht hat – zehn davon bei Mehrtagesrennen – und sein Konto 2016 mit einem Etappensieg beim Giro eröffnete, weiß er das nur zu gut.

Als Eichhörnchen ohne Chance

Ein kleines bisschen schwerer macht es sich Ciccone aber selbst, da er auch das Bergtrikot noch nicht ganz abgehakt hat. Heute hat er erneut mit vier energiezehrenden Angriffen vier Bergwertungen und 54 Punkte eingestrichen. Allein es wird nicht helfen.

Die Eichhörnchentaktik funktioniert bei diesem Giro nicht, denn auch hier steht Vingegaard im Weg. Der 29-Jährige räumt mit jedem Etappensieg 50 Punkte im Vorbeigehen ab, weil die Einser-Bergwertungen im Etappenziel besonders gut dotiert sind. Quasi im Vorbeigehen hat er so bereits 211 Zähler eingesammelt. Wahrscheinlich kommen auf den beiden ausstehenden Bergetappen noch mal zwei Siege dazu. Der eifrige Sammler Ciccone steht jetzt bei 129 Zählern. 2019 hat er das Bergtrikot der Rundfahrt gewinnen können, dieses Mal sieht es nicht so gut aus.

“Ich behalte das Maglia Azzura trotzdem als Ziel im Auge, schauen wir einfach mal“, sagte Ciccone beinahe trotzig. Denn seine Maßgabe ist: “Wenn du es nicht probierst, weißt du nie, wie es ausgeht.“ Die Form sei den ganzen Giro über bereits gut. “Es tut mir nur leid, sie nicht in Zählbares ummünzen zu können.“

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