RSNplus“So ganz realisiere ich es vielleicht noch nicht“

“Der beste Felix Gall aller Zeiten“ erklimmt das Giro-Podium

Von Christoph Matt

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Auf der 20. Etappe war es für Felix Gall (Decathlon - CMA CGM) ein bisschen “on the the edge“, sagte er. | Foto: Cor Vos

30.05.2026  |  (rsn) – "Ich habe mich wirklich gut gefühlt und es war einfach dieselbe Story wie die ganzen drei Wochen", resümierte Felix Gall (Decathlon - CMA CGM) im Ziel der 20. Etappe des Giro d’Italia (2.UWT). So richtig gelöst wirkte der Osttiroler nach der letzten Bergankunft der Rundfahrt noch nicht. Dabei sicherte er sich immerhin recht souverän zum ersten Mal einen Platz auf dem Podium einer Grand Tour. Offensichtlich war der Wahl-Salzburger für echte, ganz große Euphorie direkt nach Etappenende noch zu platt.

"So ganz realisiere ich es vielleicht noch nicht. Wir haben ja noch ein paar Runden in Rom zu drehen, aber in den nächsten Tagen, wenn ich daheim zur Ruhe komme, kann ich es genießen", kommentierte der 28-Jährige seinen Gemütszustand, fand allerdings schon positive Worte für seine Leistung: "Ich bin extrem happy und zufrieden, jetzt nochmal so abzuschließen."

Schon bei der ersten Bergankunft des Giro auf der 7. Etappe hatte der Österreicher unmissverständlich klargemacht, wer der beste Kletterer hinter Jonas Vingegaard (Visma - Lease a bike) ist. Am Blockhaus fuhr Gall als Zweiter hinter dem Dänen ins Ziel und auch bei jedem weiteren der insgesamt fünf Etappensiege Vingegaards landete der gebürtige Osttiroler auf dem zweiten Rang. Das Narrativ für die Etappen des Gesamtklassements war also grundsätzlich immer das gleiche.

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"Jonas war ganz klar auf einem anderen Level"

Lediglich die Schwäche im flachen Zeitfahren von Massa warf den Tour-Etappensieger im Klassement kurzzeitig etwas zurück. Nachdem ihm aber Thymen Arensman am Berg nicht folgen konnte, reihte sich Gall schließlich in der Gesamtwertung trotzdem auf seinem angestammten Platz direkt hinter Vingegaard ein. Der Vorsprung zum Drittplatzierten Jai Hindley (Red Bull - Bora - hansgrohe) wuchs in der Folge zwar nicht immens, wurde aber auch nie kleiner. Gall war die klare Nummer zwei dieser Italien-Rundfahrt.

Felix Gall schlägt im Sprint um Platz zwei auf der 20. Etappe Jai Hindley. | Foto: Cor Vos

In recht abgeklärter Fahrweise versuchte er, nie zu lange Vingegaard zu folgen, fuhr, wenn strategisch sinnvoll, in der Gruppe um Hindley und machte zu jeder Zeit den Eindruck, Herr der Situation zu sein. Über seine Chancen gegen Vingegaard machte er sich keine Illusionen. "Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie sehr er sich ernsthaft Sorgen wegen mir gemacht hat. Er war ganz klar auf einem anderen Level", stellte er nüchtern fest und erzählte vom Anstieg nach Piancavallo: "Für einen Moment habe ich versucht (Vingegaard) zu folgen und dachte mir: Vielleicht habe ich eine Chance. Aber dann saß ich nachher an Jais und Dereks Rad und habe noch einen guten Sprint gefahren."

Das zweite Grand Tour Podium für Österreich

Gall kontrastierte aber, dass bei ihm im Verlauf des Giros alles nach Plan verlief, um diesen zweiten Gesamtrang zu erringen: "Wir sind in den Giro gekommen mit dem Ziel eines Podestplatzes. Ich wusste, dass das möglich sein würde, jedoch viel zusammenkommen müsste. Wir haben sicher viel richtig gemacht in der Vorbereitung. Ich war physisch vielleicht einfach ein kleines bisschen besser als normalerweise und dann haben auch die anderen Dinge gepasst: Wir hatten kein Pech, keinen Sturz, mehr oder weniger keine Krankheit im Team. Es war ziemlich perfekt!"

Felix Gall versuchte auch in Piancavallo nur kurz, Jonas Vingegaard zu folgen. | Foto: Cor Vos

Gall ist erst der zweite Österreicher der Radsport-Geschichte, der es offiziell auf das Podium einer Grand Tour geschafft hat. Das bis dato erste und einzige rot-weiß-rote Podest liegt bereits 69 Jahre zurück: 1957 fuhr Adolf Christian bei der Tour de France auf den dritten Platz. Der dritte Gesamtrang von Bernhard Kohl bei der Tour 2008 wurde schließlich kurz nach den Feierlichkeiten in Paris wegen Dopings wieder nichtig.

Roberts: "Ein großer Schritt nach vorne vom ganzen Team"

Dass es nun für den zweiten Rang von Gall reichte, verdankt der Junioren-Weltmeister von 2015 zu einem Teil natürlich seiner Mannschaft, welche die Rolle einer GC-Mannschaft ohne Fehltritte besetzte. "Das war ein großer Schritt nach vorne, wie das Team Felix das ganze Rennen unterstützt hat. Ich glaube wir haben drei Wochen lang keinen Fuß falsch gesetzt und es ist ein absolut verdienter zweiter Gesamtplatz", lobte der Sportliche Leiter von Decathlon – CMA CGM, Luke Roberts, seine Fahrer und auch Gall war voll des Lobes:

Zum gefragten Mann geworden: Felix Gall gibt Post-Race-Interviews in Piancavallo. | Foto: Cor Vos

"Jeder einzelne von uns hat sich sehr entwickelt. Es ist so eine schöne Gruppe hier – es ist leicht, wenn es gut läuft, dass die Atmosphäre gut ist. Aber ich würde sagen sie war es hier von Anfang an. Wir hatten eine wirklich gute Energie im Team", meinte er und freute sich neben der Stimmung im Team auch über die um ihn herum an der Straße: "Es war wirklich schön heute, so viele Leute an der Straße zu sehen - Familie, Freunde und bekannte Gesichter - und die ganze Zeit meinen Namen zu hören. Das ist etwas Besonderes!"

Eine Woche weg vom Rad – und dann den Blick zur Vuelta

"Es ist sein bestes GC-Ergebnis, also denke ich auch, das war der beste Felix Gall bisher. Er hatte ein paar Themen in der Vergangenheit und wir haben geschaut, wie wir ihn zum besten GC-Fahrer machen können. Er ist die Schritte gegangen und hier sind wir jetzt."

Eine Woche lässt der Hobbygolfer das Rad nun stehen. Ein "Luxus", so nannte er es selbst, den er sich ohne Teilnahme an der Tour de France gönnen könne. Spätestens in dieser Zeit dürfte er dann umfänglich realisieren, was er über drei Wochen in Bulgarien und Italien abgeliefert hat. Und dann? Dann geht es im Spätsommer zur Vuelta a Espana.

Die Fans von Felix Gall kamen zahlreich zum Schlusswochenende des Giro d'Italia in Italiens Nordosten. | Foto: Cor Vos

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