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01.06.2026 | (rsn) – Es ist Sonntag. Der gemeine Mensch hat frei und nicht viel zu tun. Er schaltet seinen Fernsehempfänger ein und richtet die Antenne so aus, dass er anderen Menschen bei dem zusehen kann, was er selbst gerade nicht tun möchte: körperliche Arbeit – und das sogar im Wettkampfbetrieb. Sport. Er schnappt sich einen gekühlten Iso-Trunk aus dem Eisschrank, sackt auf dem Kanapee in der Wohnstube in sich zusammen; die Show kann beginnen. Die Wahl fällt auf Radsport. Frauenradsport, sogar. Es ist 12 Uhr und die Übertragung des Giro d’Italia Women hat gerade angefangen.
Doch was der Zuschauer dann sieht, mutet wie eine Renn-Neutralisation an. Gemütlich fahren die Frauen nebeneinander her. Drei Ausreißerinnen kreiseln kurz vor dem Peloton umher, aber das interessiert eigentlich niemanden. Es ist das Albtraumszenario jeder Flachetappe. Es passiert wirklich absolut gar nichts. Bis zu den letzten fünf Kilometern wird auf den insgesamt 156 Kilometern ein Schnitt von rund 39 km/h gefahren. Nur die letzten knapp acht Minuten findet ein Rennen statt, die Fahrerinnen müssen sich – am Samstag gab es bereits ein ähnliches Szenario – inzwischen Gedanken über Detraining machen.
___STEADY_PAYWALL___Aber nicht getrauert. Denn auf einem anderen Online-Kanal kann man die Schlussetappe der Boucles de la Mayenne schauen – und da wurde am Samstag ein absolutes Feuerwerk abgefackelt. Doch dieses Mal sieht es anders aus. Es sieht fast aus wie beim Frauen-Giro. Das Tempo liegt mit knapp 46km/h deutlich höher, aber das Rennen auf der Flachetappe ist ähnlich spannend wie das in Italien. Und für den zweiten Mittagsschlaf ist es so kurz nach dem ersten noch zu früh.
Kaum Action zum Auftakt des Giro Women | Foto: Cor Vos
Etwas desillusioniert schaltet man nach den Siegerinterviews von Olav Kooij (Decathlon - CMA CGM) und Benoit Cosnefroy (UAE - Emirates - XRG) zum Giro der Männer. Dort findet die Abschlussetappe am Abend statt, was immerhin dafür sorgt, dass die Rennen des Tages nicht zeitgleich ausgetragen werden, wie es so oft der Fall ist. Doch auch da wird dem Zuschauer eine Flachetappe präsentiert. Zugegeben – das ist beim großen Finale einer Grand Tour eine Tradition, die sich die Athleten vergeben haben. Und nachdem sie sich auf ihrem Arbeitsgerät den Magen mit Champagner und Trüffelaustern vollgeschlagen hatten, wurde dort richtig Radrennen gefahren – vor allem Dank Filippo Ganna (Netcompany - Ineos).
Doch das nimmt den faden Geschmack des Radsport-Sonntages nicht weg. “Die Fahrer machen das Rennen“ steht auf jeder Phrasenschweinstrafgeldliste ganz weit oben, aber denen die Alleinschuld zu geben, ist zu einfach. Denn wenn ein Kurs wirklich gar nichts hergibt, warum sollten sie dann versuchen, etwas daraus zu machen? Und natürlich sind Sprintetappen Teil des Sports; Sprinter haben eine Daseinsberechtigung.
Die Frage, die aber gestattet sein muss, lautet: Warum müssen Sprintetappen am Wochenende, der Radsport-Prime-Time, angesetzt werden? Dieser Sonntag war kein Einzelfall, wie der Giro d’Italia der Männer zeigte. Die 3. Etappe endete an einem Sonntag in Sofia und wurde von Paul Magnier (Soudal – Quick-Step) gewonnen. Die 6. Etappe in Neapel fand an Christi Himmelfahrt statt und kulminierte im Massensprint, den Davide Ballerini (XDS – Astana) nach einem Massensturz für sich entschied. Das 15. Teilstück, am Pfingst-Sonntag ausgetragen, war für einen Sprint Royale prädestiniert, doch Fredrik Dversnes (Uno-X Mobility) und seine Komplizen vermasselten dem Peloton die Show. Der Pfingstmontag - in Italien wie Christi Himmelfahrt zwar kein gesetzlicher Feiertag, aber in vielen anderen übertragungsrelevanten Ländern schon - wurde sogar zu einem Ruhetag genutzt.
Filippo Ganna bekämpft die Langeweile. | Foto: Cor Vos
Von zehn arbeitsfreien Tagen wurden beim Giro 30 Prozent für Flachetappen und 10 Prozent für einen Ruhetag – ich traue mich, das so zu schreiben – verschwendet. Aus der (Sport-)TV-Forschung ist schon lange bekannt, dass Übertragungen an Wochenende und Feiertagen höhere Reichweiten haben. Hier lässt man also viel potenzielles Kapital liegen, denn kaum ein Zuschauer wird die drei Flachetappen am Sonntag durchgehalten haben. Und wenn er es getan hat, wird er zwei Drittel von ihnen mit großer Wahrscheinlichkeit als Antiwerbung erfahren haben – und das zur besten Sendezeit.
Ein zweites Problem, das der Sonntag gezeigt hat war, wie lieblos die Flachetappen in der Mayenne und vor allem im Giro Women konzipiert waren. Auch Rennen für Sprinter müssen nicht zwangsläufig langweilig sein. Man muss den Athleten allerdings die Chance geben, etwas daraus zu machen. In Rom bot der kurvige Stadtkurs mit einigen Höhenmetern Ganna und Co. zumindest die Gelegenheit, es spannend zu machen. Auf der viermal zu befahrenden 5,5 Kilometer langen Rundstrecke in Laval kam es nur zu einigen kleineren Verschiebungen, weil die Gruppe des Tages im langen Anlauf zum Zielort einen großen Vorsprung herausgefahren hatte. Beim Frauenrennen fanden die Teilnehmerinnen kein einziges Element vor, bei dem sich eine Aktion gelohnt hätte.
Natürlich kann man als Zuschauer nicht jeden Tag erwarten, dass Petra Stiasny (Human Powered Health) am Angliru für eine Sensation sorgt, dass Kopfsteinpflasterpassagen, Wind und Schotterstraßen das Feld auseinanderreißen und dass Profis durch brennende Loopings rasen – aber mehr als eine RTF mit Tagessieger sollte man ihm schon zumuten, sonst könnte er sich bald den Radsport nicht mehr zumuten. Die Jugend – also alle Menschen, die Jan Ullrich nicht bewusst beim Toursieg verfolgt haben – hat sich sowieso schon anderen Hobbys zugewandt. Und wir, denen Richard Virenques Einholung bei Saint-Etienne noch auf die Netzhaut gebrannt steht, werden auch nicht jünger.