“Habe mich mehrfach gefragt, wo die Ziellinie ist“

Van der Breggen improvisierte in “seltsamer Situation“ erfolgreich

Von Kevin Kempf

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Anna van der Breggen (SD Worx – Protime) führt ihre drei Kontrahentinnen den Finestre hinauf. | Foto: Cor Vos

07.06.2026  |  (rsn) – Eine verrutschte Eisplatte machte Anna van der Breggen (SD Worx – Protime) den Tag auf der Königsetappe des Giro d’Italia Women leichter, als befürchtet werden konnte. Doch eigentlich ließ die Frau in Rosa auf dem verkürzten Teilstück nie Zweifel daran aufkommen, dass sie auch auf der ursprünglich geplanten Etappe alles im Griff gehabt hätte.

“Es war heute schon eine seltsame Situation“, begann sie ihre Geschichte in einer Presseerklärung ihrer Mannschaft. Flash-Interviews gab es am Samstag nicht; eine Siegerehrung ebenso wenig; sogar Ziel-Fotos wurden nicht genommen. Fotografen, Reporter und die Zielraumausstattung warteten einen Gipfel weiter in Sestriere vergeblich auch die Athletinnen.

Doch gerade als die Fahrerinnen auf die Gravel-Passage des Colle delle Finestre einbogen, bekamen sie die Nachricht, dass das Rennen verkürzt und der Zielstrich einen Kilometer vor dem Gipfel vorverlegt wurde. Plötzlich mussten nur noch knapp acht Kilometer absolviert werden. “Man bereitet sich anhand der auf dem Papier festgelegten Route auf die Etappe vor, aber wir mussten sofort umdenken. In so einem Moment muss man sich einfach an die Situation anpassen. Die Entscheidung lag außerhalb unserer Kontrolle, also ist es eben so, wie es ist. Trotzdem fühlt es sich eigenartig an, plötzlich den Schlussanstieg zu fahren“, blickte van der Breggen zurück.

Doch zunächst reagierte die Konkurrenz. Antonia Niedermaier (Canyon – SRAM) setzte sich an die Spitze der Gruppe und erhöhte das Tempo. Demi Vollering (FDJ United – Suez) griff wenig später an, doch die Deutsche parierte scheinbar mühelos und ließ niemanden an sich vorbei. Ein zweiter Angriff der Weltranglistenersten änderte das und die Gruppe schrumpfte auf die gleichen vier Fahrerinnen, die schon die erste Bergetappe bestimmt hatten.

Verteidigung ist die beste Verteidigung

Als Vollering trotz großer Mühe an der Spitze des Quartetts niemanden mehr abschütteln konnte, nahm sie heraus. Das führte zu Attacken – und das rief erstmals van der Breggen auf den Plan. “Auf den letzten Kilometern habe ich das Tempo für die Gruppe mit Demi Vollering, Antonia Niedermeier und Isabella Holmgren bestimmt. Demi hatte zuvor schon eine Attacke gestartet, und ich hatte eigentlich mit weiteren gerechnet. In diesem Moment dachte ich mir: Wenn ich ein hohes Tempo anschlage, wird sie nicht wirklich angreifen können“, so van der Breggen.

Ihre Ausgangslage war komfortabel, genau eine Minute trennten sie von der Gesamtzweiten Vollering – und zum Ziel waren es nur noch vier Kilometer. Die SD-Worx-Kapitänin nahm ihre drei Gegnerinnen ins Schlepptau und brachte sie bis zur letzten Kurve. “Letztendlich konnten sie aufgrund meines hohen Tempos nicht beschleunigen, was mir in die Karten spielte. Auf den letzten paar hundert Metern habe ich mich mehrfach gefragt, wo die Ziellinie ist, da ich sie etwas früher erwartet hatte.“

Nach einer steilen Haarnadelkurve kam der improvisierte Zielstrich dann doch in Sicht und Vollering griff an. Der Tempoverschärfung konnte niemand folgen und van der Breggen verlor eine Sekunde sowie weitere zehn Bonussekunden. “Letztendlich ist es für mich nicht allzu wichtig, ob ich unter den ersten drei oder auf dem vierten Platz gelandet bin. Natürlich geht es um Bonussekunden, aber ich denke, es war ein guter Tag. Es war ein harter Anstieg, aber ein toller Kampf, und es hat mir wirklich Spaß gemacht“, resümierte van der Breggen, die vor dem Schlusstag 49 Sekunden vor Vollering liegt.

Dieser Abstand wurde gestern einige Male korrigiert, bevor er auf 49 festgelegt wurde. So war die Spitzenreiterin nicht auf dem aktuellen Stand, als sie vor dem Sonntag Bilanz zog. “Jetzt kann ich mich mit einem Vorsprung von 50 Sekunden in der Gesamtwertung auf die letzte Etappe vorbereiten. Natürlich wird Demi morgen etwas versuchen – und nicht nur sie; ich glaube, auch die anderen Fahrerinnen werden aktiv werden“, blickte die 36-Jährige voraus.

Fünfter Gesamtsieg nur noch Formsache?

Auf dem neunten und letzten Teilstück wartet noch der 8,7 Kilometer lange und 9,5% steile Montoso (1.Kat.) auf das Feld. “Nach dem schweren Anstieg ist noch ein ziemliches Stück bis ins Ziel zurückzulegen“, meinte van der Breggen. Es sind 90 Kilometer, auf denen sich den Fahrerinnen keine Höchstschwierigkeiten mehr in den Weg stellen. Der fünfte Gesamtsieg bei der Italien-Rundfahrt sollte also Formsache sein.

Auch die Frau in Rosa zeigte sich zuversichtlich, ohne dabei die vor ihr stehende Aufgabe unterschätzen zu wollen: “Ich muss einfach dagegenhalten und versuchen, an meinen Hauptkonkurrentinnen dranzubleiben, um das Rosa Trikot zu verteidigen. Meine Beine haben sich heute zumindest ziemlich gut angefühlt, darüber habe ich mich gefreut. Hoffentlich finde ich diese Form morgen wieder.“

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