RSNplusBeim Tour-Debüt schier überwältigt

Heßmann: Starke Beine, große Emotionen, keine Daten

Von Tom Mustroph aus Barcelona

Foto zu dem Text "Heßmann: Starke Beine, große Emotionen, keine Daten"
Michel Heßmann (Movistar) gibt sein Debüt bei der Tour de France. | Foto: Cor Vos

04.07.2026  |  (rsn) - Lange hat es gedauert, bis der Michel Heßmann (Movistar) einen Grand Départ bestreiten durfte, länger, als man bei dem nachgewiesenen Talent des bärenstarken Rouleurs vermuten durfte. “Ja, man hätte am Anfang meinen können, dass es schneller geht“, gab er auf dem Montjuic-Berg in Barcelona zum Auftakt der 113. Tour de France gegenüber RSN zu.

Dann aber schilderte er, wie glücklich, wie erleichtert und zugleich erstaunt über das Ganze er seinen ersten Tourstart aufnimmt. “Noch habe ich gar nicht so richtig die Worte dafür gefunden. Eigentlich stand das auch schon die ganze Saison so im Raum. Erst wollte ich den Giro fahren, dann habe ich mir den Ellenbogen ausgekugelt in Katalonien, da konnte ich anderthalb Monate nicht richtig trainieren und habe dann erst wieder im Mai fürs Höhentrainingslager angefangen“, berichtete von den schwierigen vergangenen Monaten. ___STEADY_PAYWALL___

Und da “war dann schon alles auf die Tour ausgerichtet. Aber dass man da jetzt wirklich glaubt, da fahren zu können – das war mir trotzdem nicht ganz klar. Und selbst als es dann klarer wurde, habe ich es erst am Ende verstanden, wie unfassbar groß das auch für mich ist und was das alles bedeutet“, versuchte Heßmann die ganze Gefühlsdynamik der letzten Wochen und Monate zu rekonstruieren.

Mit positiven Vibes aus dem Gefühlskarrussell der letzten Jahre

Und diese – abgesehen von der Ellenbogenverletzung – ja durchweg guten Gefühle kontrastierten krass mit der Zeit davor. “Die letzten drei Jahre gab es ja an allen Ecken viele schlimme Rückschläge“, spielte er zum einen um die nicht nur von ihm als ungerecht empfundene Dopingsperre an. “Es gab aber auch im privaten alle möglichen Ereignisse. Und da ist irgendwie das Sportliche sehr weit in den Hintergrund gerückt – soweit, dass ich es manchmal schon verflucht habe“, blickte er weiter auf seine bleiernen Jahre 2023 und 2024 zurück.

Movistar bei der Teampräsentation der Tour 2026 in Barcelona. | Foto: Cor Vos

“Da habe ich den Radsport mehr schlecht- als gutgeredet“, meinte er, um dann wieder in die als unendlich viel glücklicher empfundene Gegenwart überzuwechseln: “Jetzt aber zu merken, wie sich das anfühlt, dass das Sportliche wieder in den Vordergrund rückt, dass ich diesen Traum von mir jetzt wiederentdecken kann, ist einfach wunderbar“, sagte Heßmann. Man merkte dem 25-Jährigen auch ganz deutlich die emotionale Rührung an. Die Anstrengungen vom Zeitfahren ware wie weggewischt, der Blick richtete sich in eine imaginäre Ferne, als Heßmann sich den Moment vergegenwärtigte, als die Bestätigung kam: Ja, er ist für diese Tour de France nominiert.

Gänsehaut unterm Trikot

“Dann einfach dazustehen und zu heulen, wenn man diese Nachricht bekommt, das hätte ich mir nicht vorstellen können. Das war unfassbar krank. Ich hatte wirklich zwei Wochen lang Gänsehaut. Und ich hoffe, dass das auch noch so weitergeht“, sagte er. Die Gänsehaut transformierte Heßmann beim Zeitfahren gleich in Leistung. Dass Movistar bei zwei Zwischenzeitnahmen, unter anderem bei der beim Superbauwerk Sagrada Familia, temporäre Bestzeiten setzte, war auch dem deutschen Tour-Debütanten zu verdanken. Und nach einer kleinen Chaosphase, als ausgerechnet Kapitän Cian Uijtdebroeks ein wenig verloren ging, führte er den Belgier sogar wieder an die enteilten Kollegen heran. “Ja, ich hatte gute Beine und ich habe auch lange Führungen gemacht“, sagte Heßmann.

Im Teamzeitfahren zum Tour-Auftakt lief für die spanische Mannschaft nicht viel zusammen. | Foto: Cor Vos

Wie gut er war, konnte er allerdings nicht in Zahlen ausdrücken. “Ich weiß es wirklich nicht. Ich habe tatsächlich kein Garmin gehabt während des Rennens“, meinte er und musste selbst schmunzeln: “Vielleicht war das auch der Grund, dass es gut lief. Man muss vielleicht manchmal nicht so sehr auf die Daten schauen.“

Heßmanns Verfassung war so gut, dass er weiter in den Berg hereinfuhr, als ursprünglich geplant. Was genau mit Kapitän Uijtdebroeks in dem einen Chaosmoment los war, vermochte er kurz nach dem Rennen allerdings noch nicht zu analysieren. “Wir müssen uns später anschauen, was da passiert ist“, sagte er. Uijtdebroeks selber löste das Rätsel gegenüber Eurosport auf. “Ich hatte kurz vor dem ersten Anstieg Krämpfe. Danach war es einfach schwer weiterzufahren. Ich habe getan, was ich konnte. Ich denke, es lag an der Hitze. Vielleicht kam es auch, weil ich gleich am ersten Tag Vollgas fahren musste und mein Körper sich noch nicht daran gewöhnt hatte“, sagte 23-Jährige, ebenfalls ein Tour-Debütant.

Helfen, lernen und Vogesen-Vorfreude

Heßmann will bei dieser Tour vor allem Kapitän Uijtdebroeks unterstützen und Pacing-Expertise von Routinier Nelson Oliveira lernen. Und wenn sich mal die Gelegenheit für eine Fluchtgruppe ergibt, will er die auch am Schopfe packen. Vor allem freut er sich auf die Etappen in den Vogesen, weil sich dort Familie und jede Menge Freunde angekündigt haben.

Und bis dahin genießt er einfach den Sport als Sport, als alten Traum, der sich nach vielen Rückschlägen auf ganz besondere Art frisch anfühlt. "Es macht einfach etwas mit dir, was ich jemandem, der es nicht selbst erlebt, gar nicht richtig beschreiben kann. Es gibt ja auch diese Angst, diese Scheißschmerzen, diese Gefahren. Und ich hätte auch nie gedacht, dass ich es vermisse. Denn als ich raus war, da habe ich auf einmal gemerkt: ‘Wow, es ist ganz selbstverständlich für jeden normalen Menschen, dass man sich gar keine Gedanken über seine Gesundheit macht.‘ Ob man am Ende des Jahres noch vernünftig laufen kann oder wie auch immer, das spielte plötzlich keine Rolle. Und da dachte ich: ‘Ach, das ist schon ziemlich geil.‘ Aber dann, wenn man wieder damit anfängt, dann stürzt man sich jedes Mal wieder hinein und findet wieder etwas daran", spurdelte es aus ihm heraus.

Ausgerechnet Kapitän Cian Uijtdebroeks wurde abgehängt und kassierte schon früh Rückstand | Foto: Cor Vos

Ein Etwas, das Heßmann noch immer nicht beschreiben kann, aber das sich extrem gut für ihn anfühlt. Das merkte man, und man wünscht ihm, dass dieses Gefühl auch lange anhält.“ Und wenn er präzise Worte dafür findet, wird er sie RSN auch nicht vorenthalten.

Ergebnismäßig reichte es für Movistar beim Sieg von Visma - Lease a Bike nur zum 20. Platz von 23 Teams. Kapitän Uijtdebroeks kam nicht einmal als Erster seiner Mannschaft an. Da bleibt einiges aufzuarbeiten. Heßmann selbst allerdings kann guten Mutes in die 2. Etappe seiner ersten Tour de France gehen.

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