--> -->
10.07.2026 | (rsn) – “Nach wie vor ist Remco der Frontmann und Florian ist der Wingman“, hatte Red Bull-Teamchef Ralph Denk in einer Medienrunde vor der Tour de France gesagt. Gemeint war nicht, dass einer seiner beiden Tour-Kapitäne in der sportlichen Hierarchie über dem anderen steht, gemeint war die Medienpräsenz der beiden. Und dass es da Unterschiede gibt, wurde nach der 6. Etappe der Tour de France 2026 deutlich. Während Florian Lipowitz (Red Bull – Bora – hansgrohe) bei der ARD ein Interview gab und das gute Teamergebnis lobte, wetterte sein Teamkollege Remco Evenepoel beim belgischen Sporza über fehlende Hilfe des Deutschen.
Doppelspitzen bringen immer gewisse Risiken mit sich, gerade wenn einer der Beteiligten sich nicht in eine gleichberechtigte Rolle fügen kann. Dass mehrere Kapitäne aber auch ausgezeichnet funktionieren können, hat gerade Bora beim Giro d’Italia 2022 bewiesen, den Jai Hindley als Teil des Dreizacks neben Emanuel Buchmann und Wilco Kelderman für sich entschieden hatte. Großer Unterschied zu damals ist bei dieser Tour aber, dass Evenepoel seit seiner Zeit als Junior überall der unumstrittene Frontmann ist.
Als solcher wollte er, dass sein Co-Kapitän ihm den Sprint anziehen würde. “Ich habe um einen Leadout gebeten und keinen bekommen. Ja, ich war wütend, und das zurecht“, behauptete er. Doch das Recht darf bezweifelt werden. Natürlich hätte Lipowitz‘ Hilfe dem Belgier zu 4 Bonussekunden verhelfen können, die sich nun Isaac Del Toro (UAE – Emirates – XRG) gesichert hat.
Eine typische Szene des gestrigen Finals. Remco Evenepoel schaut sich um, bekommt aber kaum Hilfe. | Foto: Cor Vos
Doch mit Arbeit im Finale hätte sich der Deutsche selbst der Gefahr ausgesetzt wertvolle Sekunden zu verlieren. Die Chance auf der einen Seite mit dem einen Kapitän eine Handvoll Sekunden zu gewinnen, ging Hand in Hand mit dem Risiko auf der anderen Seite mit dem anderen Leader die gleiche oder sogar mehr Zeit zu verlieren. Ein Kuhhandel!
Den überhaupt einzufordern, zeigt, dass Evenepoel seine Rolle und die von Lipowitz – zumindest so wie sie öffentlich kommuniziert wurden – nicht verstanden hat. Auf der Hand liegt auch, dass man eine solche Kritik niemals öffentlich äußern darf – das ist ein absolutes No-Go. “Das muss heute Abend richtig besprochen werden", sagte Evenepoel selbst, womit er natürlich Recht hatte. Denn offensichtlich gibt es Undeutlichkeiten darüber, wer wie für wen fahren muss.
Da der Doppel-Olympiasieger seine Ansicht vor der Presse breitgetreten hat, ist der Schaden geschehen. Das Thema des Tages, vielleicht der nächsten Tage, wird die Beziehung zwischen den beiden Stars von Red Bull – Bora – hansgrohe sein. Jede Aktion wird unter die Lupe genommen und untersucht werden. Jedes Zitat wird filetiert werden.
Die Unruhe, die dadurch entstanden ist und zunächst weiterleben wird, ist umso ärgerlicher, weil es um 4 Sekunden geht. Die werden am Ende nicht rennentscheidend sein. Der Schaden, den Evenepoels Aussagen anrichten, ist wohl weitaus größer, wenn auch weitaus weniger messbar. Doch Evenepoels Frustration – und die hat im Sporza-Interview sicher eine große Rolle gespielt – war trotz allem verständlich.
Evenepoel (links) und Lipowitz bei der Teampräsentation | Foto: Cor Vos
Der Tourdritte von 2024 schien auf dem Weg nach Gavarnie-Gèdre der einzige Fahrer des Verfolgeroktetts zu sein, der Interesse am zweiten Platz hatte. Er war derjenige, der die Lücke zu Jonas Vingegaard (Visma – Lease a Bike) schließen wollte. Seine Versuche stießen auf wenig Gegenliebe. Voll durchfahren wollte niemand. Auch Lipowitz nicht. Der Deutsche hatte offensichtlich Frieden mit der Aussicht auf Platz 3. Als die sechs Fahrer ohne Teamkollegen vorn endlich zusammenarbeiteten, war das mit deutlich gebremstem Schaum. Es steht außer Zweifel, dass Vingegaard, der letztendlich 19 Sekunden rettete, erreichbar gewesen wäre.
Hoffen kann man fast nur, dass Evenepoel sich das Finale der Etappe nicht noch einmal genau ansieht. Denn als er – bevor die Gruppe zusammenarbeitete – 13,9 Kilometer vor dem Ziel angriff und einen der beiden Lidl-Fahrer und Paul Seixas (Decathlon – CMA CGM) mitgingen, war es Lipowitz, der im zweiten Teil der Gruppe das Kommando übernahm und die Lücke zum Trio wieder schloss. Eine Aufgabe, Del Toro und Sepp Kuss (Visma – Lease a Bike) sicher auf sich genommen hätten. Die zahlenmäßige Überlegenheit wurde vom Deutschen nicht nur nicht ausgenutzt, sie wurde aktiv neutralisiert.
Florian Lipowitz wurde in der Abfahrt von seinem Teamkollegen gejagt. | Foto: Cor Vos
Doch auch davor und andersrum kann man sich Fragen stellen. “Ich wusste, dass ich mit meinen Abfahrtsfähigkeiten immer noch zu der Gruppe vor mir aufschließen kann. Ich hatte 15 bis 20 Sekunden Rückstand. Also musste ich voll fahren“, erzählte Evenepoel über die Abfahrt vom Tourmalet. Da war er es, der mit Juan Ayuso und Mattias Sjelmose (beide Lidl – Trek) sowie Kuss am Hinterrad die Lücke auf seinen Teamkollegen zufuhr.
Zwar hätte es taktisch sicherlich von Vorteil sein können, dass man zu acht unterwegs war, doch die Aufgabe der Verfolgung hätte auf den Schultern des Lidl-Duos lasten müssen, während der Flame sich an deren Hinterrad noch etwas hätte schonen können. So hätte man die Männer vom anderen deutschen Rennstall auch gleich in die Verantwortung gerufen. Gerade die waren es danach nämlich, die die Zusammenarbeit sabotierten.