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19.07.2026 | (rsn) - Diesen 19. Juli wird Jonas Vingegaard (Visma – Lease a Bike) wohl niemals vergessen. Um 2 Uhr morgens wurde er für eine Dopingkontrolle geweckt. Das Timing macht aus der Sicht der Kontrolleure vollkommen Sinn. Wenn man mit betrügerischen Mitteln die Regeneration befördern will, wann, wenn nicht genau zwischen zwei Bergetappen bei der Tour de France, und in einem Zeitfenster, in dem sonst eher selten kontrolliert wird.
Was es für die Sportler bedeutete, fasste Vingegaards Rivale Tadej Pogacar (UAE – Emirates – XRG) nach der 15. Etappe der Tour de France gut zusammen. Auch er wurde in der Nacht von Samstag und Sonntag für eine Dopingkontrolle geweckt, etwa drei Stunden später. “Ich hatte zum Glück schon meine Tiefschlafphase hinter mir, bei Jonas war das aber vermutlich mitten in dieser Phase. Wir wissen alle, wie wichtig Schlaf ist, wie wichtig es ist, den Körper zu erholen“, meinte der Slowene, und er hielt, in einer ersten Erregung, den Zeitpunkt der Kontrolle sogar für “unmenschlich“. ___STEADY_PAYWALL___
Inwieweit das nächtliche Wecken Vingegaard beeinflusst haben mag, wird wohl für immer Spekulation bleiben. Marc Reef, Sportchef des Dänen, schnitt alle ausufernden Debatten mit den Worten ab: “Ich denke, da gibt es nichts zu spekulieren. Wir waren am Morgen bereit. Die Jungs waren bereit. Jonas war bereit. Er fühlte sich auch gut während der Etappe.“ Schwamm drüber also.
Team Visma – Lease a Bike hatte sich an diesem ersten Tag in den Alpen tatsächlich einiges vorgenommen. Zwei Mann waren in der Fluchtgruppe mit dabei. Im Favoritenfeld bestimmte man die Pace, rückte an die Position, die gewöhnlich Pogacars UAE-Truppe einnimmt. “Wir wollten auf den Etappensieg fahren. Wir haben trotz des großen Zeitrückstands weiterhin an Jonas geglaubt. Diesen Glauben und das Vertrauen wollten wir auch nach außen hin ausstrahlen. Deshalb haben wir heute die Kontrolle über das Rennen übernommen“, erläuterte Reef gegenüber verschiedenen Medien, darunter RSN, am Teambus die Motivation.
Visma – Lease a Bike war bis zum Sturz des Kapi-täns das dominierende Team der ersten Alpenetappe dieser Tour. | Foto: Cor Vos
Das bestätigte auch Vingegaards wichtigster Berghelfer Davide Piganzoli. “Wir sind mit dem Plan in den Tag gestartet, die Etappe mit Jonas zu gewinnen. Wir haben unsere Fahrer in die Ausreißergruppe gebracht und alles lief super gut. Sie haben angehalten, sie haben auf uns gewartet, und dann haben wir einfach versucht, Vollgas zu geben, um den Vorsprung der Ausreißergruppe, so gering wie möglich zu halten“, meinte der Italiener zu Eurosport.
Dann aber, etwa 23 Kilometer vor dem Ziel auf dem Plateau de Solaison, kam dieser vermaledeite Kreisverkehr. Die das Peloton anführenden Visma-Helfer gingen in eine Rechtskurve. Sie konnten knapp vermeiden, auf die hohe Bordsteinkante zu knallen. Der unmittelbar hinter ihnen fahrende Kapitän vermochte das aber nicht. Vingegaard knallte auf den Boden, ein paar andere Fahrer, darunter der spätere Etappendritte Isaac Del Toro (UAE – Emirates – XRG), stürzten über ihn.
Während sie aufstanden und weiterfuhren, machte Vingegaard keine Anstalten, sein Arbeitsgerät wieder zu besteigen. Er hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Arm, typisches Zeichen für einen Schlüsselbeinbruch. “Er hat gesagt, er habe starke Schmerzen“, sagte Reef, der unmittelbar hinter der Gruppe im Auto fuhr.
“Die Situation war sehr unübersichtlich. Wir kamen mit dem Auto um die Kurve und sahen plötzlich einige Fahrer am Boden liegen, darunter Jonas. Es wurde schnell klar, dass er große Schmerzen hatte und nicht weiterfahren konnte“, erinnerte sich Reef an das Bild, das sich ihm bot. Piganzoli, unmittelbar vor Vingegaard fahrend, erlebte das Drama so: “Wir sind einfach ziemlich schnell um einen Kreisverkehr gefahren. Ein Motorrad war direkt vor dem Feld und hat nicht die beste Linie gewählt. Wir sind einfach gegen irgendetwas gekracht und ich habe gesehen, dass Jonas direkt hinter mir war und stürzte.“
Das Motorrad sah auch Reef als Auslöser der Sturzdynamik. “Es war eine seltsame Situation. Das Motorrad musste bremsen, weil da plötzlich eine Kurve war. Dann hatten alle vorn zu bremsen. Und in Folge der Kettenreaktion war Jonas der Erste, der stürzte“, meinte der Niederländer.
Auf Nachfrage von RSN wollte er die Schuld aber nicht beim Motorradfahrer suchen. “Ich denke, es war mehr eine Frage des Parcours. Der Kreisverkehr war wirklich schwierig. Der Motorradfahrer wählte die zweite Ausfahrt, und war, glaube ich, selbst überrascht. Er war ziemlich schnell, musste stark abbremsen, auch die Fahrer bremsten. Und so kam es zum Sturz“, sagte er. Das Team bestätigte später einen Schlüsselbeinbruch, der so komplex ist, dass er operiert werden muss.
Tadej Pogacar (UAE – Emirates – XRG) äußerte nach dem Rennen sein Mitgefühlt über das Tour-Aus seines größten Kon-kurrenten der vergangenen Jahre. | Foto: Cor Vos
Vingegaards Sturz löste bei allen Bestürzung und Mitgefühl aus. Natürlich an erster Stelle im eigenen Team. “Für uns war das natürlich ein extrem harter Moment, besonders wenn man mitten im Rennen ist. Ich wusste erst gar nicht, was ich tun soll“, gestand Piganzoli. “Aber klar, dann bin ich bis ins Ziel gefahren. Morgen ist ein Ruhetag. Wir werden einen neuen Plan für die nächste Woche machen“, blickte er schon auf die letzte Tourwoche voraus.
Aber auch die Rivalen wirkten betroffen. “Ja, es ist wirklich, wirklich, wirklich traurig zu sehen, dass Jonas raus ist. Seit 2021 haben wir immer um den Gesamtsieg gekämpft. Am Anfang hatten wir vielleicht nicht das beste Verhältnis, aber in den letzten zwei Jahren wurden wir gute Rivalen. Rivalen und Konkurrenten, die sich respektieren, aber ich denke, auch irgendwie Freunde“, sagte Pogacar und betonte: “Die Tour wird ohne ihn nicht dieselbe sein.“
Seinem Teamchef Mauro Gianetti ging es ähnlich. Obwohl viele seiner Gedanken darum kreisen, wie seine Leute Vingegaard in Schach halten können, hatte er jetzt schon so etwas wie Verlustgefühle: “Jonas ist ein außergewöhnlicher Athlet, der uns und den gesamten Radsport dazu angetrieben hat, besser zu werden. Ihn so durch einen banalen Sturz zu verlieren, tut weh, es tut wirklich extrem weh. Auch weil er einfach ein sehr wichtiger Fahrer für den Radsport war. Ich hoffe, dass er sich schnell erholen kann, aber es ist schade: Diese Tour ohne ihn ist einfach anders“, fügte der Schweizer an.
Florian Lipowitz (Red Bull – Bora – hansgrohe), der im Rennen nur wenige Positionen hinter Vingegaard an der Unfallstelle vorbeigefahren war, sagte: “Definitiv war es super schade, den Sturz zu sehen. Wir haben die Kurve einfach unterschätzt. Ich war vielleicht drei Positionen dahinter und konnte gerade noch so bremsen. Es ist sehr schade zu hören, dass die Tour so für ihn endet.“ Sein Sportlicher Leiter Patxi Vila schickte Vingegaard und dessen ganzem Team eine “feste Umarmung“ hinterher.
Jonas Vingegaard auf dem Weg vom Krankenwagen in den Röntgentruck der Tour de France | Foto: Felix Mattis
In einer dramatischen Situation wie dieser zeigt sich plötzlich auch die gute, die solidarische Seite im Radsport. Jeder kennt das Risiko, zu stürzen und sich schwer zu verletzen. Jeder hofft, dass ihm, seinen Kollegen und den betreuten Athleten genau dies nicht passiert. Geschieht es dann doch, ruft der Vorfall die ganzen Gefahren, denen man sich täglich aussetzt, wieder in Erinnerung.
Erfolgreiche Operation und gute Besserung möchte man Vingegaard nur wünschen, und ein, zwei, drei Momente innehalten, bevor man sich wieder der sportlichen Situation zuwendet und wie diese sich durch das bittere Ausscheiden des Dänen verändert hat.