Blieskastel/ Saarland - Alte Rennräder sammeln

Der Spirit des Radsports

Foto zu dem Text "Der Spirit des Radsports"
Niklas Benders Rennrad-Sammlung | Foto: www.urlaub.saarland

14.09.2020  |  Ein Eckhaus im Gassengewimmel des "Biosphäre"-Städtchens Blieskastel im Saarland. Ein altes Schild an der Fassade verrät, dass es hier jemanden gibt, der verrückt nach Fahrrädern ist: Niklas Bender.  Passend zu seiner Passion hat Niklas den Namen für seinen Fahrradladen gewählt: Puls-Sport. Das historische Gebäude einer ehemaligen Näherei hinter dem Laden beherbergt zudem Niklas' Sammlung alter Rennräder.

Es war schon immer sein großer Traum, irgendwann einmal ein eigenes Radgeschäft zu haben. Nachdem die alte Bahntrasse, die an Blieskastel vorbeiführte, zum Radweg umgewandelt wurde, war für Niklas die richtige Zeit gekommen, seine Geschäftsidee in die Tat umzusetzen: 2001 öffnete er erstmals die Tür zum seinem Fahrradladen in der Blieskasteler Altstadt, in dem heute Alexander Stopp die Geschäfte führt.
Dort treffen wir Niklas Bender, um mit ihm über seine Leidenschaft für Räder und über ein ungewöhnliches Hobby zu sprechen.

Niklas, du hast eine besondere Vorliebe für alte Rennräder. Wie kommt's?
Niklas: Fahrräder sind die Konstante in meinem Leben. Ich bin praktisch mit Rädern groß geworden und habe selbst früh mit dem Radsport angefangen. Als Amateur habe ich mich natürlich viel mit Rennrädern beschäftigt, rumgeschraubt und gut gebaute Räder schätzen gelernt.

Was ist für dich ein gut gebautes Rennrad?
Rennräder waren damals noch aus Stahl. Ende der 80er Jahre wurden Stahl-Rennräder dann belächelt. Stahl wurde als Werkstoff durch Aluminium und später durch Carbon abgelöst. Viele gute Räder wurden aussortiert und weggeworfen. Für mich war es damals traurig zu sehen, was mit diesen tollen Rädern passierte.

Und deswegen hast du angefangen, alte Rennräder zu sammeln?
Ja, diese Räder stehen für mich für den Spirit des Radsports, es tat mir in der Seele weh zu sehen, wie das so missachtet wurde. Als Kind waren Rennräder für mich unerschwinglich. Ein französicher Renner war damals der Traum schlechthin, die waren genial zu fahren. Dann musste ich zusehen, wie diese Räder weggeworfen wurden. Viele habe ich vom Sperrmüll geholt, und erstmal gehortet - später dann angefangen zu sammeln.

Da schwingt ein wenig Nostalgie mit, oder?
Absolut. Für mich sind die Fahrräder lebendig, jedes hat seine eigene Geschichte. Und mir ging es immer schon darum, welche Geschichte das Rad erzählt, nicht um Serien, Rahmennummern und ähnliches. Der Aspekt Heritage und die Story standen für mich im Vordergrund. Ich bin kein Sammler, der die Räder von morgens bis abends poliert und Seriennummern auswendig runtersagen kann.

Wie unterscheiden sich deine Sammlerstücke von den Rädern heute?
Den heutigen Rädern fehlt der Spirit. Die werden irgendwo in Fernost in einer Form zu Tausenden gefertigt, dann kommt ein Label drauf, das Marketing dazu und dann werden sie teuer verkauft. Natürlich sind die Räder gut, sind steifer, leichter und aus technischer Sicht besser - aber für mich fehlt das Herz. Damals wurden alle Räder von Hand gefertigt, sie waren gebaut für die Ewigkeit - nachhaltig eben. Jedes der Räder aus meiner Sammlung könnte ich innerhalb von drei Stunden mit wenig Geld wieder so herrichten, dass man es die nächsten 20 Jahre fahren kann.

Du hast etwa hundert Räder in deiner Sammlung. Welches Rad war das erste?
Das waren zwei alte Rennräder der Marke Peugeot, die habe ich einem Herrn abgekauft, der bei Peugeot arbeitete. Die Räder waren damals schon älteren Datums und dem Besitzer nicht mehr viel wert.

Wie ging's weiter?
Meine Sammlung hat sich in etwa 25 Jahren aufgebaut. Am Anfang ging das eher im Schneckentempo, aber irgendwann fanden immer mehr Räder zu mir. Manche wurden mir geschenkt, oder in meine Obhut gegeben. Ich habe dann immer gefragt: Erzähl mir mal die Geschichte zum Rad. Je schöner die Story war, desto höher war der Wert für mich. Wenn mich die Erzählung faszinierte, hatte das Rad bei mir einen ganz besonderen Platz.

Gibt es ein Rad, dass dir besonders am Herzen liegt?
Es gibt die tollsten Geschichten zu jedem Rad. Aber eines hat für mich einen ganz besonderen Stellenwert, auf diesem Rad werde ich einmal die Welt umrunden. Das ist mein Lebensziel. Es gehörte einem Mann, der irgendwann 2009 zu mir ins Geschäft kam. Er brachte ein wunderschönes, altes Tommasini in Reparatur, Baujahr Ende 80. Ein Ferrari unter den Rennrädern und damals schon unerschwinglich. Etliche Tour-de-France-Siege sind mit Rennrädern dieser Art eingefahren worden. Es sollten neue Reifen drauf, weil er nochmal damit fahren wollte.

Wie kam es dann in deine Sammling?
Ich hab das Rad gesehen und spontan gesagt: Wow, unfassbar schön. Das war wirklich eines der schönsten Stahlrennräder, das ich jemals gesehen hatte. Ich hatte dann beiläufig erwähnt, dass ich es ihm gern abkaufen würde, wenn er es irgendwann einmal hergeben möchte. Letztes Jahr im Spätsommer kam dann die Frau dieses Mannes ins Geschäft. Sie stand vor mir, sah mich an und sagte zuerst nichts. Dann holte sie tief Luft und sagte: Mein Mann ist gestorben, ich möchte, dass Sie dieses Fahrrad bekommen. Mir hat es fast den Boden unter den Füßen weggezogen, das war für mich ein ganz großes Ding. Das Rad bekam gleich einen Sonderplatz, war lange bei mir im Wohnzimmer. Jetzt steht es im Laden. Wenn ich damit irgendwann mal die Welt umfahre, kann ich auf diese Weise dem Vorbesitzer die Ehre erweisen.

Dein Laden liegt ja mitten in der Biosphäre Bliesgau, Du hast schöne Strecken vor der Haustür. Kommst du denn selbst noch zum Rennradfahren?
Leider viel zu selten. Ich habe mehrere Projekte, die viel Zeit in Anspruch nehmen, unter anderem ein Radverleih auf Mallorca. Und es stimmt schon, nirgendwo kann man so schön Radfahren wie auf Mallorca - und hier im Bliesgau, mit den angrenzenden Vogesen. Diese Region hat einfach alles, was es zum Rennradfahren braucht. Der einzige Vorteil, den Mallorca vielleicht hat, ist das stabilere Wetter.

Hast Du hier eine Lieblingsrunde, die du uns verraten magst?
Klar, man kann direkt ab Blieskastel durch das Bliestal in Richtung Nord-Vogesen und zurück. Besonders im Spätsommer und im Herbst, wenn man in die Farbenpracht der Vogesen hineinrollt, ist die Tour unglaublich schön.

Da bekommt man direkt Lust, loszufahren... Was ist dein Tip, wenn ich  Rennradfahren mal ausprobieren möchte?
Man muss sich einfach mal trauen. Wir haben übrigens auch einen Verleih... Vielleicht ist es am Anfang mit den dünnen Reifen etwas wacklig, aber das gibt sich nach ein paar Kilometern, dann weiß man das Rennrad schnell zu schätzen. Es wird auf jeden Fall nie langweilig. Das Schöne am Rennradfahren ist, dass man die Belastung sehr gut steuern kann. Und für mich muss immer der Spaß im Vordergrund stehen...

Mehr Touren-Vorschläge zum Rennradfahren im Saarland und bei seinen Nachbarn findet man unter: www.radfahren.saarland

 

 
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