RSNplus“Sammelsurium des Durcheinanders“

Rutschs Roubaix-Bilanz: Drei Radwechsel und ein Sturz

Von Kevin Kempf

Foto zu dem Text "Rutschs Roubaix-Bilanz: Drei Radwechsel und ein Sturz"
Jonas Rutsch (Lotto – Intermarché) hatte nach Paris-Roubaix viel zu erzählen. | Foto: Cor Vos

14.04.2026  |  (rsn) - “Ich habe an sich nicht viel zu erzählen”, stapelte Jonas Rutsch (Lotto – Intermarché) tief, als RSN ihn einen Tag nach dem Rennen um ein Gespräch über das 123. Paris-Roubaix (1.UWT) bat. “Hatte viel Defektpech und einen Sturz“, fügte er an. Für einen Ritt durch die "Hölle des Nordens" schien dem Deutschen das ein normaler Verlauf. Doch für den Zuschauer, der meist nur die Spitze des Rennens sehen, gibt es nach jeder Ausgabe des dritten Monuments des Jahres viel zu bestaunen, was an den TV-Geräten nicht zu sehen war. Die Geschichte von Rutsch gehört dazu.

“Es war sicher nicht der Renntag, den ich mir erhofft hatte. Aber eins ist sicher: Roubaix ist kein Wunschkonzert“, begann der Lotto-Fahrer mit einem Fazit. Rutsch musste zweimal das Arbeitsgerät und einmal das Hinterrad wechseln, hinzu kam ein Sturz. 

Dabei hatte alles nach Plan begonnen. “Ich habe probiert, effizient in die Gruppe reinzugehen und ein paar Mal dachte ich, dass es vielleicht klappt. Aber bei einem knapp 53er Stundenmittel für die ersten zwei Rennstunden brauchst du nicht groß für die Gruppe hoffen. Da geht halt nichts", so der 28-Jährige. ___STEADY_PAYWALL___

Die Gruppe des Tages kam in der Tat nicht zustande. Wie von Rutsch schon vor dem Rennen vermutet, verhinderte UAE – Emirates – XRG dies. Doch das hat nicht nur Vorteile, denn wenn das geschlossene Feld auf die erste Kopfsteinpflasterpassage zufährt und die Teams keinen Fahrer vorn drin haben, ist eins fast sicher: “Vor dem ersten Sektor gab es dann auch einen Sturz. Jeder wollte mit seinem Leader in der ersten Reihe rausfahren – und das geht eben praktisch gesehen nicht. Bis zu dem Zeitpunkt war es ein Hauen und ein Stechen.“ Dennoch kam Rutsch unbeschadet durch die ersten fünf Sektoren.

Dem Maikäfer wurde in Sodom und Gomorra in die Karre gefahren 

“Ich war in der ersten Gruppe und da gab es dann Platten und Stürze - links, rechts, überall, wo man hingeguckt hat, standen Leute. (Mads) Pedersen hat es da auch mit einem Platten erwischt. Ich war ganz happy, dass ich da so durchgekommen bin und dann ging es in einer Linkskurve aus dem sechsten Sektor raus und da hatte vor mir ein Fahrer die Idee, er könnte jetzt die Kurve schneiden. Er ist mir in die Karre reingefahren und dann lag ich da wie ein Maikäfer auf dem Rücken“, beschrieb er seinen Sturz. Den Auslöser der Misere oder dessen Team wollte er nicht nennen.

Jonas Rutsch (Lotto – Intermarché) bei der Teampräsentation des 123. Paris-Roubaix | Foto: Cor Vos

Doch auf dem Rücken in der Kurve liegend war ein Ende des Unglücks noch nicht in Sicht. “Bei der ganzen Aktion hat es mir hinten die Kette runtergehauen. Die hat sich zwischen Ritzelpaket und Speichen verhakt. Weil das Sodom und Gomorra war, war das Auto irgendwo im Nirgendwo. Wir hatten da allerdings einen Mechaniker stehen, der kam herangeeilt, hat es aber auch nicht rausgekriegt. Wir mussten auf das Ersatzrad warten. Hilft ja nichts. Ich habe mich wieder in die Autos eingereiht und bin wieder vorgefahren“, blickte Rutsch zurück.

In Hornaing à Wandignies platzte der Traum

Das Feld hatte sich unter dem Druck von UAE da bereits in zwei Teile geteilt. Doch das rächte sich, als UAE-Kapitän Tadej Pogacar einen Platten hatte. “Das habe ich übers Radio zuerst mitbekommen. Der stand dann irgendwo auf dem Sektor mit einem Shimano-Rad. Das war dann meine nächste Relaisstation, um wieder ins Rennen zurückzufinden“, lachte Rutsch. “Kurz vor Arenberg gab es dann ein Sammelsurium eines heillosen Durcheinanders. Die Platten und Stürze haben ja nicht aufgehört nach den ersten fünf Sektoren. Im Arenberg selbst ging auch alles drunter und drüber, da lag ein Haufen Leute auf dem Pflaster und van der Poel stand da ebenfalls. Ich musste ein paar Mal übers Gras ausweichen, bin aber unbeschadet durch den Wald gekommen“, erinnerte er sich an seine Durchfahrt durch den ersten der drei Fünf-Sterne-Sektoren.

Wenig später schloss Mathieu van der Poel (Alpecin – Premier Tech) auf und eröffnete die Jagd auf die Spitze. “Ich wusste, dass das der Last Call war, um ins Rennen zurückzufinden“, kommentierte Rutsch die Szene 95 Kilometer vor dem Ziel. Doch auch wenn er den Absprung erwischt hatte, blieb er nicht lange an Bord: “Einen Sektor später hatte ich das Hinterrad platt.“ 

Mathieu van der Poel (Alpecin – Premier Tech) musste nach einem Defekt im Wald von Arenberg sein Rad wechseln und war damit raus aus dem Kampf um den Sieg. | Foto: Cor Vos

Bis zu dem Zeitpunkt wäre eine Rückkehr zur Spitze des Rennens möglich gewesen, wie van der Poel, der im Velodrom Vierter wurde, bewiesen hatte. Für Rutsch war der Traum einer erneuten Topplatzierung im Vier-Sterne-Sektor Hornaing à Wandignies 82 Kilometer vor dem Ziel aber ausgeträumt. “Ich bin den Sektor fertig gefahren, habe das Rad dann getauscht. Damit bin ich ungefähr 500 Meter gefahren – und hatte wieder platt. Dann hat alles nichts mehr geholfen, weil das andere Rad in der Zwischenzeit kein neues Hinterrad bekommen hatte.“

Frustrationsmomentum zur Seite kehren

Nach eigener Schätzung hat Rutsch dort zwei bis zweieinhalb Minuten verloren. “Das Rennen war vorbei. Die Gruppe um van der Poel war von dannen gezogen. Game Over. Was willst du dann noch groß machen?“, fragte der Hesse rhetorisch. Und dann musste der Vorjahressechste in geschlagener Position noch 80 Kilometer über 16 Kopfsteinpflasterpassagen bewältigen. “Das Frustrationsmomentum setzt schon im Rennen ein. ‘Dafür habe ich mit jetzt hier den Arsch aufgerissen?‘ Solche Gedanken muss man aber zur Seite kehren“, meinte er.

Rutsch konzentrierte sich wieder auf das, was vor ihm lag, denn “ultraweit abgeschlagen“ war er nicht. Seine Gruppe fuhr um Platz 27 – und den wollte sich der Deutsche noch sichern. “Ich bin zum Schluss noch mit De Bondt und anderen rausgefahren. Wir wurden aber kurz vor dem Velodrom wieder eingeholt“, fasste er seinen Last-Minute-Angriff kurz zusammen. So ging er letztendlich mit Rang 50 in die Annalen der 123. Ausgabe von Paris-Roubaix ein.

Führte hoher Reifendruck im Feld zu vielen Platten?

Zeit also für ein Resümee: “Drei Radwechsel und ein Sturz sind natürlich sehr sehr viel. Aber es gibt wohl kaum Fahrer, die ohne irgendwas durchgekommen sind. Ein Defekt wäre bei dieser Ausgabe von Roubaix normal gewesen. Das hätte man irgendwie fixen können. Wenn es dich allerdings dreimal trifft und du einmal auf dem Arsch sitzt, ist das mindestens einmal zu viel. Aber man muss das Beste rausholen, auch wenn die Umstände scheiße sind.“

Auch Rutschs Teamkollege Cedric Beullens kam nicht ungeschoren davon. | Foto: Cor Vos

Doch wie kam es eigentlich zu den vielen Defekten, die die Fahrer dieses Jahr auf den 258 Kilometern heimsuchten? “Vielleicht haben durch die Rückenwindgeschichte viele Teams einen höheren Reifendruck gefahren“, vermutete Rutsch. “Im ersten Teil des Rennens konnte man sich darauf einstellen, dass es schnell wird. Eventuell haben sie das Risiko genommen, die Pannensicherheit aufzuopfern, um in der ersten Rennphase energiesparender unterwegs zu sein“, spekulierte er.

Höhenblock zu Hause und Wiedereinstieg in Frankfurt

Was er selbst in den Gummis hatte, wusste der Lotto-Profi nicht genau. “Ich bin kein Spezialist und lasse da unsere Mechaniker machen. Die beschäftigen sich damit und ich nehme, was vor mir liegt und fahre damit. Ich habe da keine Präferenzen. Ich habe wegen meiner anderen Vorbereitung mit Australien im Winter auch keine Roubaix-Recons gemacht. Dort wird normalerweise auch das Material getestet und das war bei mir gar nicht der Fall. Ich habe mich darauf verlassen, was die Leute, die Test gemacht haben, sagen.“

Jetzt darf er aber erst mal das machen, was er selbst will. Bis Freitag bleibt er seinem Arbeitsgerät fern. “Das ist eher für den Kopf, weil die Saison tatsächlich schon ziemlich lang dauert“, erläuterte Rutsch, der seinen ersten Renneinsatz am 20. Januar bei der Tour Down Under (2.UWT) hatte. 

Nach einem Aufenthalt zuhause, wobei Rutsch die im vergangenen Winter angeschaffte Höhenkammer nutzen wird, wird er am 1. Mai bei Eschborn-Frankfurt (1.UWT) vor den heimischen Fans erstmals wieder eine Rückennummer tragen.

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