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10.05.2026 | (rsn) – Schon im Winter erzählte Petra Stiasny (Human Powered Health) im RSN-Interview, dass sich die Puzzleteile in ihrer noch jungen Karriere so langsam zusammenfügen würden. Weniger Monate später feierte die Schweizerin mit dem Gewinn der 7. Etappe der Vuelta Femenina (2.WWT) ihren ersten WorldTour-Sieg und damit größten Erfolg auf dem Rad. Mit ihrem gestrigen Ritt auf den furchteinflößenden Angliru, dessen 12,4 Kilometer mit einer durchschnittlichen Steigung von 9,8 Prozent das Frauenpeloton erstmals unter die Räder nahm, katapultierte sich Stiasny binnen 51 Minuten ins Rampenlicht des internationalen Frauenradsports.
Am morgen danach konnte sie immer noch nicht wirklich realisieren, was ihr wenige Stunden zuvor gelungen war. Im Gespräch mit RSN meinte sie: “Ich bin heute Morgen aufgewacht und konnte es immer noch nicht glauben. Ist das ein Traum gewesen, fragte ich mich. Habe ich wirklich an diesem Berg gewonnen, der ja nicht irgendein Berg ist.“ Es an diesem Anstieg ihrem Idol als erste Profi-Frau gleichzutun, bedeute ihr sehr viel. “Es ist unglaublich für mich hier gewonnen zu haben. Mein Idol Contador hat hier gesiegt und der Berg ist eine Legende für mich“, unterstrich sie nochmals den Stellenwert ihres Sieges. ___STEADY_PAYWALL___
Dass es einmal soweit kommen könnte, war vor fünf Jahren noch unvorstellbar für die zierliche Frau, die neben dem Profi-Radsport noch Lebensmitteltechnologie studiert. “Ursprünglich war ich Mittel- und Langstreckenläuferin und bin dann aber aufgrund vieler Verletzungen vermehrt geschwommen. Als dann während Corona die Schwimmbäder zumachten, schnappte ich mir das alte Rennrad meines Vaters“, erinnerte sich Stiasny an ihre Anfänge. “Ich habe dann in der Schweiz ausschließlich an Bergzeitfahren teilgenommen und schnell festgestellt, dass ich bergauf etwas kann.“ Über einen Kontakt zum damaligen Kontinental-Team Cogeas - Mettler fand Stiasny mehr und mehr in den Straßenradsport hinein und verbrachte die Jahre 2022 bis 2025 bereits in der WorldTour bei Fenix – Deceunick und Roland le Dévoluy.
Stiasny, hier beim Cadel Evans Great Ocean Race, begann ihre Saison früher als im Vorjahr in Australien. | Foto: Cor Vos
Wie immer wieder aus ihren Worten entnehmbar, scheint der mentale Fokus ein großer Pluspunkt der Kletterspezialistin zu sein. “Als am 10. März die Route der Vuelta vorgestellt wurde, hatte ich jeden Tag nur den Angliru im Kopf – morgens, mittags, abends. So einen Anstieg, den man im Frauenradsport noch nie hatte, zu gewinnen, war in den letzten Wochen mein Riesentraum“, beschrieb sie ihre Motivation, die ihr letzten Endes vielleicht auch den entscheidenden Vorteil gegenüber der Konkurrenz einbrachte. “Als wir in die steilen Stücke des Angliru hineinfuhren, habe ich mich überhaupt nicht gestresst und richtig frei gefühlt. Ich wusste, das hier ist mein Ort“, blickte sie sichtlich bewegt zurück.
Mit Paula Blasi war auch die letzte Konkurrentin abgehängt - Stiasny auf den letzten Metern zu ihrem Angliru-Tiurmph. | Foto: Cor Vos
Passend zu ihrer Emotionalität reagierte sie auf die Frage nach den Zahlen zu ihrer epischen Bergauffahrt. “Ich kenne zwar meine Leistungsdaten für solch einen Anstieg, habe aber kaum auf den Computer geschaut und bin nur nach Gefühl gefahren. Vorne war ein 48er Blatt montiert, viel mehr zu meiner Übersetzung weiß ich aber ehrlich gesagt nicht“, musste sie selbst ein wenig über ihre Unkenntnis zu den technischen Daten ihres Siegrades lachen.
Über die in wenigen Wochen folgenden Itzulia Women (2.WWT) und Burgos-Rundfahrt (2.WWT) will Stiasny nun an ihre Top-Form anknüpfen, ohne sich aber für eigene Ambitionen zu weit aus dem Fenster zu lehnen. “Ich weiß noch nicht, was mich da erwartet. Wir sind hier mit einem sehr starken Team und werden sicherlich in den nächsten Tagen besprechen, wie wir die Rennen planen.“ Ungewissheit besteht auch noch mit Blick auf die Tour de France Femmes (2.WWT), da Human Powered Health laut Stiasny noch keine Longlist für Frankreich benannt habe. “Der Mont Ventoux wäre aber sicherlich auch ein Berg für mich“, ließ sie anklingen, im August gerne den nächsten Bergriesen in Angriff nehmen zu wollen.
Kommt aus den Bergen und liebt die Berge – Stiasny bei ihrer Heimrundfahrt, der Tour de Romandie 2025. | Foto: Cor Vos
Trotz ihres Sieges sei das Puzzle noch nicht vollständig, wie die 24-Jährige abschießend betonte. “Der Sieg war sicherlich ein sehr großes Puzzlestück und hat nochmal in meinem Kopf viel verändert. Vor ein paar Monaten wäre ich noch ausgeflippt, wenn ich an so einem Berg in die Top 20 gefahren wäre“, sagte sie immer noch leicht ungläubig. “Aber es gibt noch so viele Puzzleteile, an denen ich noch arbeiten muss: Abfahrten, das Bewegen im Peloton und noch einiges mehr.“