Entspannter Eindruck, aber nur im Hinterradmodus

Niedermaier bleibt am Finestre ruhig - vielleicht zu ruhig

Von Christoph Matt

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Antonia Niedermaier (Canyon - SRAM, Mitte) zeigte sich am Colle delle Fineste erneut in bestechender Form. | Foto: Cor Vos

07.06.2026  |  (rsn) - Ob eine Fahrerin am Limit ist, sich noch wohlfühlt oder gleich attackiert, versucht das geneigte Radsportpublikum am Endgerät ja vor allem an der Körpersprache zu analysieren. Zugegebenermaßen gibt es im Radsport auch nicht viele andere Mittel der Interpretation. Zog man dieses auf der gestrigen 8. Etappe des Giro d’Italia Women (2. WWT) zu Rate, zeigte sich am Colle delle Finestre ein recht deutlich, wer dort die Stärkste war.

Während Demi Vollering (FDJ - Suez United) und Anna van der Breggen (SD Worx - Protime) bereits sichtbar am Limit fuhren, wirkte Antonia Niedermaier (Canyon - SRAM) im Spitzentrio deutlich entspannter. Ohne eine Miene zu verziehen, ging sie jedes Tempo mit und parierte jede Attacke scheinbar mühelos. Die beiden Niederländerinnen bestimmten zwar größtenteils das Tempo im Anstieg, konnten in ihrer Mimik aber nicht verbergen, am Anschlag zu fahren. Niedermaier folgte den beiden mit stoischen Miene. Lediglich als Vollering auf den letzten Metern zum Sprint ansetzte, entstand eine kleine Lücke. Die Rosenheimerin rollte mit einer Sekunde Rückstand als Dritte ins Ziel.

Die vorletzte Etappe der Rundfahrt wurde während des Rennens deutlich verkürzt. Wegen der Gefahr von abrutschendem Altschnee wurde das Teilstück auf nur 76 Kilometer reduziert, die Fahrerinnen erfuhren davon jedoch erst sieben Kilometer vor dem neuen Zielstrich. Dementsprechend musste sich am finalen und einzigen Anstieg des Tages niemand schonen. Sobald die Information publik wurde, erhöhte sich sichtbar das Tempo und die Spitzengruppe schrumpfte schnell zusammen.

„Ich bin schon ein bisschen traurig, dass wir die Etappe nicht zu Ende fahren konnten, weil ich die gesamte Strecke wirklich gerne gefahren wäre. Aber es ist nun einmal so, wie es ist. Deshalb bin ich insgesamt zufrieden damit“, kommentierte die Rosenheimerin die Etappe in der Pressemitteilung ihres Teams.

Die ehemalige Skibergsteigerin liegt aktuell auf Rang drei der Gesamtwertung. Zeit auf die Führende Anna van der Breggen verlor sie bislang nur im Zeitfahren auf der 4. Etappe. In den Bergen präsentiert sich die Deutsche dagegen ausgesprochen souverän.

Als beispielsweise die zuvor distanzierte Isabella Holmgren rund 3,3 Kilometer vor dem Ziel zur Spitzengruppe zurückkehrte und sofort attackierte, schien die ehemalige Skibergsteigerin die Situation am entspanntesten zu kontrollieren. Sie schloss die Lücke ohne sichtbare Probleme, während dies bei Vollering und van der Breggen einen Moment länger dauerte. Trotzdem ließ sich Niedermaier nicht zu einer eigenen Attacke verleiten.

Podium sichern statt Angriff

„Am Finestre bin ich eigentlich nur im Windschatten der Fahrerinnen von FDJ geblieben. Sie haben das Tempo bis zum Schotterabschnitt hochgehalten. Auf dem Schotter wurde ein sehr hohes Tempo gefahren, und dort anzugreifen war ebenfalls ziemlich schwierig. Deshalb bin ich weiterhin einfach mitgefahren. Ich denke, es war eine wirklich harte Etappe, und die verkürzte Distanz hat am Ergebnis nicht allzu viel verändert“, erklärte die Deutsche.

Diese eher konservative Fahrweise passt allerdings nicht zu dem Eindruck, den die 23-Jährige bei diesem Giro hinterlässt. Eventuell täuscht die Körpersprache, ihr Gesicht ist schlicht ein hervorragendes Pokerface und sie war tatsächlich am Limit.

Andererseits passen Form, Ergebnisse und Körpersprache gut genug zusammen, um anzunehmen, dass eigene Akzente durchaus drin liegen müssten. Vielleicht ging es am Finestre auch weniger darum, Zeit gutzumachen, sondern vielmehr darum, das Podium nicht zu verspielen. Der Vorsprung auf Rang vier beträgt lediglich 35 Sekunden. Der Rückstand auf die zweitplatzierte Vollering allerdings nur 31 Sekunden.

Eines scheint jedenfalls klar. Antonia Niedermaier gehört bei diesem Giro zu den stärksten Fahrerinnen im Feld, vielleicht traut sie sich mit dieser Gewissheit auf der letzten Etappe eine Attacke zu.

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