Bittersüßer Tag für Red Bull

Evenepoel triumphiert im Zeitfahren, Lipowitz raus aus der Tour

Von Matthias Seng

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Remco Evenepoel (Red Bull – Bora – hansgrohe) hat das einzige Einzelzeitfahren der 113. Tour de France gewonnen. | Foto: Cor Vos

21.07.2026  |  (rsn) – Top-Favorit Remco Evenepoel (Red Bull – Bora – hansgrohe) hat das einzige Einzelzeitfahren der 113. Tour de France für sich entschieden. Während sich sein Team über den zweiten Tagessieg des Belgiers in Folge freuen konnte, musste es auf dieser 16. Etappe zugleich das Ausscheiden von Florian Lipowitz wegstecken. Der Gesamtdritte des Vorjahres stürzte in einer Rechtskurve kurz nach der dritten Zwischenzeit wenige Kilometer vor dem Ziel. Nach minutenlanger Behandlung konnte Lipowitz wieder aufstehen und wurde offenbar mit einer Schulterverletzung ins Krankenhaus gebracht.

Der kurz nach ihm gestartete Evenepoel erzielte an allen Messpunkten deutliche Bestzeit und benötigte für die 26,1 Kilometer lange Strecke von Évian-les-Bains nach Thonon-les-Bains 32:19 Minuten, was einem Schnitt von 48,4 km/h entsprach. Mit 28 Sekunden Rückstand blieb dem Gesamtführenden Tadej Pogacar (UAE – Emirates – XRG) Rang zwei vor dem überraschend starken Dänen Mattias Skjelmose (Lidl – Trek), der 1:04 Minuten hinter Evenepoel Tagesdritter wurde vor dem Franzosen Paul Seixas (Decathlon – CMA CGM / +1:16) und Pogacars mexikanischem Teamkollegen Isaac Del Toro (+1:21). Der Italiener Mattia Cattaneo (+1:41), belegte als zweitbester Red-Bull-Profi Rang sechs.

Die Top Ten komplettierten der Niederländer (Netcompany – Ineos / +1:47), der Franzose Bruno Armirail (Visma – Lease Bike / +1:55), der Spanier Pablo Castrillo (Movistar / +2:00) und der Brite Joshua Tarling (Netcompany – Ineos / +2:01). Dagegen enttäuschte der Spanier Juan Ayuso (Lidl – Trek / +2:22) mit Platz 15.

“Es ist großartig. Es war ein wirklich tolles Einzelzeitfahren mit vielen Fans an der Strecke. Meine gesamte Familie von beiden Seiten ist hier. Meine Eltern sind nur für heute angereist und auch meine Frau ist mit ihren Eltern da. Es ist heute auch belgischer Nationalfeiertag, das macht es noch etwas spezieller“, kommentierte Evenepoel im Flash-Interview seinen vierten Etappensieg bei einer Tour de France, ehe er an seinen ausgeschiedenen Teamkollegen dachte. “Auf der anderen Seite wurde mir gerade gesagt, dass mein Teamkollege Lipowitz gestürzt ist. Das ist sehr unglücklich. Das ist ein, wie sagt man, sehr bittersüßer Moment. Das muss man trotz des Sieges erst einmal verdauen. Ich wünsche ihm das Allerbeste und hoffe, dass es nicht so schlimm ist.“

Für den 26-jährigen Belgier lief das Rennen dagegen perfekt – und auch durch die Kurve, in der kurz zuvor Lipowitz gestürzt war, kam Evenepoel ohne Probleme, um ungefährdet sein drittes Zeitfahren im Verlauf einer Frankreich-Rundfahrt zu gewinnen. “Ich habe mich heute sehr gut gefühlt. Die ersten paar Kilometer habe ich richtig gepusht und ich habe mir selbst gesagt, dass ich mich ein bisschen zurückhalten muss“, erzählte er, wobei er auch dem geschlagenen Pogacar seinen Respekt zollte.

 “Die Fahrt von Tadej war auch sehr beeindruckend. Er war immer sehr knapp dran. Es war eine große Herausforderung, den Vorsprung aufrechtzuerhalten. Ich bin glücklich, wie es ausgegangen ist heute, aber es ist natürlich sehr schade, dass Lipo jetzt raus ist. Ich werde ihn in der letzten Woche sehr vermissen“, sagte er mit Blick auf die schweren Bergetappen zum Ende der Tour und den Träger des Gelben Trikots.

Der war mit seiner Vorstellung zufrieden, auch wenn er deutlich seinen fünften Etappensieg bei dieser Tour verpasste. Wichtiger als das war dem Weltmeister aber, dass er im Gegensatz zu Lipowitz einen Sturz vermeiden konnte. “Es war ein guter Tag, aber ich war am Ende des Anstiegs ein bisschen enttäuscht, dass ich 15 Sekunden hinter Remco lag. Ich dachte mir dann, okay, ich gehe jetzt bis ins Ziel kein unnötiges Risiko ein. In einer Kurve, ich glaube, dort wo Lipo gecrasht ist, waren während des Recons Autos der Rennorganisation. Ich konnte die Kurve nicht so anschauen, wie ich wollte und wäre dann selber fast gecrasht. Ich hoffe, Lipo ist okay und erholt sich schnell“, sagte der Slowene im Flash-Interview

Evenepoel verkürzt Rückstand auf Pogacar

Pogacar liegt im Gesamtklassement weiter deutlich vorn, auch wenn Evenepoel seinen Rückstand auf 4:32 Minuten verkürzen konnte. Auf Rang drei folgt Del Toro (+6:51) vor Seixas (+7:11) und Ayuso (+9:22), der aufgrund des Ausscheidens von Lipowitz auf Rang fünf vorrückte. Sein Teamkollege Skjelmose (+10:14) ist neuer Sechster vor Lenny Martinez (Bahrain Victorious / +12:50) und Tom Pidcock (Pinarello – Q36.5 / +12:58). Der Schweizer Yannis Voisard (Tudor / +24:18) verbesserte sich auf Platz zehn.

Mads Pedersen (Lidl – Trek) bleibt im Grünen Trikot, Pogacar ist weiterhin im Besitz des Bergtrikots, Del Toro trägt unverändert das Weiße Trikot. In der Teamwertung hat Lidl – Trek jetzt nur noch 23 Sekunden Vorsprung auf UAE – Emirates.

So lief die 16. Etappe der Tour de France 2026:

Bei Sonnenschein und Temperaturen nahe an die 30 Grad nahmen nach dem zweiten Ruhetag noch 165 Fahrer das einzige Einzelzeitfahren dieser Tour in Angriff. Auf den 26,1 Kilometern zwischen den beiden Kurorten Évian-les-Bains nach Thonon-les-Bains musste gleich nach dem Start ein knapp zehn Kilometer langer und gut vier Prozent steiler Anstieg erklommen werden, von dessen Gipfel (2.Kat.) eine sieben Kilometer lange Abfahrt folgte, ehe es auf den letzten neun Kilometer flach in Richtung Ziel ging. Zwischenmesspunkte befanden sich bei km 4,8, km 9,7 und bei km 18,1.

Der Pole Kamil Gradek (Bahrain Victorious) eröffnete um 13 Uhr den Kampf gegen die Uhr, ehe der ebenfalls früh gestartete Tarling die Bestzeit des Österreichers Marco Haller (Tudor) um gleich 2:21 Minuten unterbot. Die Marke des zweimaligen Britischen Zeitfahrmeisters konnte auch dessen Teamkollege Filippo Ganna nicht knacken. Nachdem er zwischenzeitlich vor Tarling gelegen hatte, wies der zweimalige Zeitfahrweltmeister im Ziel knapp fünf Sekunden Rückstand auf und wurde letztlich Elfter.

Armirail dagegen war nicht nur an der zweiten und dritten Zwischenzeit, sondern auch im Ziel schneller als Tarling – allerdings nur um sieben Sekunden, nachdem sein Vorsprung am Berg gegenüber dem Briten noch fast eine halbe Minute betragen hatte. Kurz darauf fuhr Routinier Cattaneo eingangs der letzten zwei Kilometer nicht nur den 90 Sekunden vor ihm gestarteten Tschechischen Zeitfahrmeister Mathias Vacek (Lidl – Trek) auf, sondern unterbot Armirails Marke um deutliche 13 Sekunden.

Das Streckenprofil der 13. Etappe der Tour de France | Foto: Veranstalter

Der Österreichische Zeitfahrmeister Felix Großschartner (UAE – Emirates – XRG) büßte nach starkem Start mit bester erster Zwischenzeit im zweiten Streckenteil rund eine halbe Minute auf Cattaneo ein und belegte letztlich Rang 13. Nach missratenem Start, zu dem er mit einer Verzögerung von mindestens zehn Sekunden erschienen war, zeigte Arensman eine starke Vorstellung und war im Ziel nur fünf Sekunden langsamer als Cattaneo. Der Spanische Zeitfahrmeister Castrillo war nach ebenfalls bester Zwischenzeit am Ende immerhin schneller als das Netcompany-Duo Tarling und Ganna.

Skjelmose legte mit 8:30 Minuten eine deutliche neue erste Bestzeit auf den Asphalt, die Lipowitz und Seixas um jeweils nur knapp drei Sekunden verpassten. Dagegen lag der Gesamtsechste Ayuso hier bereits um 25 Sekunden zurück. Del Toro war nach 4,8 Kilometern eine knappe Sekunde schneller als Skjelmose, der auch am zweiten Messpunkt deutliche Bestzeit erzielte.

All diese Zeiten waren aber Makulatur, als Evenepoel den ersten Messpunkt nach 8:08 Minuten erreichte – und damit auch sieben Sekunden vor Pogacar, der als letzte Fahrer gestartet war. Lipowitz war nach 9,7 Kilometern nur sechs Sekunden langsamer als Skjelmose, aber um jeweils vier Sekunden schneller als Seixas und Del Toro.

Lipowitz‘ Tour-Traum nach Sturz beendet

Evenepoel blieb auch an der zweiten Zwischenzeit auf Siegkurs, war hier 56 Sekunden schneller als Skjelmose, der auch an der dritten Zwischenzeit und im Ziel – nämlich um 37 Sekunden - deutlich vor Cattaneo lag. Pogacars Rückstand auf Evenepoel war nach 9,7 Kilometern auf gut 14 Sekunden angewachsen.

In einer Kurve nach dem dritten Messpunkt rutschte Lipowitz weg und knallte gegen den Streckenbegrenzung. Der Dritte der Tour 2025 blieb liegen und wurde noch an der Strecke behandelt, ehe er nach mehreren Minuten doch aufstehen und hinter die Barriere gehen konnte, um danach zum Röntegnwagen der Tour gebracht zu werden. Für den 25-Jährigen war die Frankreich-Rundfahrt damit abrupt beendet. Die hinter Lipowitz folgenden Fahrer kamen bis auf das Gelbe Trikot gut durch die Kurve, in der Lipowitz gestürzt war: Pogacar hatte alle Mühe, einen Sturz zu verhindern.

Seixas verpasste die Skjelmose-Zeit im Ziel um zwölf Sekunden, Del Toro sogar um deren 17. Dem Träger der Weißen Trikots saß Evenepoel im Nacken, der die Marke des Dänen um 1:04 Minuten unterbot und auch nicht mehr vom Träger des Gelben Trikots gefährdet werden konnte. Pogacar erreichte das Ziel 28 Sekunden später als der dreimalige Zeitfahrweltmeister, der seinen zweiten Etappensieg in Serie feierte, während für seinen Teamkollegen Lipowitz alle Podiumsträume beendet waren.

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