RSNplus“Vollblutrennfahrer“ will in Paris nochmal etwas versuchen

Evenepoels Frust über verpassten Huez-Sieg währte nur kurz

Von Felix Mattis aus Le Bourg d´Oisans

Foto zu dem Text "Evenepoels Frust über verpassten Huez-Sieg währte nur kurz"
Pressesprecher Gabriele Uboldi (rechts) macht Remco Evenepoel in Alpe d´Huez klar, dass sein zweiter Platz ein großer Erfolg ist. | Foto: Cor Vos

25.07.2026  |  (rsn) – Auf der Zielgeraden sprintete Remco Evenepoel (Red Bull – Bora – hansgrohe) noch mit voller Kraft an Sepp Kuss (Visma – Lease a Bike) vorbei und schob sich auf Etappenrang zwei vor, um dann auf dem Zielstrich doch auf den Lenker zu schlagen und sich zu ärgern: Um 26 Sekunden hatte der Belgier seinen dritten Tageserfolg bei dieser 113. Tour de France (2.UWT) in Alpe d'Huez verpasst. Das frustrierte ihn zunächst etwas.

"So nah zu kommen, das war mit meiner Siegermentalität ein bisschen enttäuschend", erklärte Evenepoel seine Reaktion eine gute halbe Stunde später im Gespräch mit radsport-news.com am im Tal in Bourg d'Oisans wartenden Mannschaftsbus. Als er dort angekommen war, hatte Evenepoel aber längst bessere Laune.

"Ich habe auch erst nach der Ziellinie gehört, dass Sepp Kuss gestürzt ist und wir den Sieg normalerweise ganz sicher nicht geholt hätten", meinte er und ergänzte: "Ich habe dann auch schnell realisiert, dass was ich hier erreicht habe, ziemlich besonders ist – Zweiter bei der Tour zu werden und eine supergute Leistung auf der letzten richtig schweren Etappe zu zeigen. Deshalb muss ich superzufrieden sein." ___STEADY_PAYWALL___

Remco Evenepoel (Red Bull – Bora – hansgrohe) auf dem Weg zu Platz zwei in Alpe d'Huez. | Foto: Cor Vos

Bevor er duschte und an die Mikrofone vor dem Bus trat, ließ der 26-Jährige aber trotzdem auch nochmal aufblitzen, dass ihn das Verpassen des Sieges durchaus noch etwas fuchste. "Deshalb wollte ich gerne früher attackieren", sagte Evenepoel, als er bei seiner Ankunft mit Teamchef Ralph Denk einschlug.

Rund drei Kilometer vor dem Ziel, in der letzten Steigung hinauf ins Zentrum von Alpe d'Huez, hatte Evenepoel das Tempo angezogen und sich aus der Favoritengruppe um den im Gelben Trikot auf Teamkollege Isaac Del Toro wartenden Tadej Pogacar (UAE – Emirates – XRG) und Lenny Martinez (Bahrain Victorious) abgesetzt – offensichtlich zu spät, um die Lücke von knapp einer Minute zu Bergkönig Richard Carapaz (EF Education – EasyPost) noch zu schließen.

"Mir war es so lieber, als im Fangzaun zu landen"

"Man hätte mehr Risiko gehen können, sowohl am Schlussanstieg (meint: Col de Sarenne, Anm. d. Red.), dass man Jai Hindley vielleicht eher zurückholt. Und man hätte vielleicht auch auf der Abfahrt noch die eine oder andere Sekunde gutfahren können", überlegte Teamchef Denk auf Nachfrage von RSN, was seine Mannen hätten anders machen können, um den Etappensieg in Alpe d'Huez zu feiern, gab aber auch zu bedenken:

"Man hat gesehen, wie andere auf der Abfahrt zu kämpfen hatten, und mir war es so viel lieber – wir haben zwei Etappensiege in der Tasche und sind Gesamtzweiter, das will man nicht riskieren und im Fangzaun landen", spielte er auf den um ein Haar lebensbedrohenden Sturz von Kuss in der Sarenne-Abfahrt an.

Früher alles auf die Karte Evenepoel zu setzen, anstatt an die Chance von Jai Hindley im Spitzenreitertrio mit Carapaz und Kuss zu glauben, aus dem sich der Australier erst relativ spät am Col de Sarenne verabschieden musste, wäre aber auch ein harter Vertrauensbruch gegen den Giro-Gewinner von 2022 gewesen. Das wusste auch Evenepoel.

Evenepoel: "Wir hatten Jai vorne und bereuen nichts"

"Wir hatten den Etappensieg-Plan im Hinterkopf, falls es in diese Richtung laufen würde. Aber wir hatten Jai Hindley vorne und er war lange in einer guten Position, um die Etappe gewinnen zu können. Deshalb haben wir daran erstmal nichts geändert", so der Belgier, der erklärte:

"Der Abstand wuchs an Telegraphe und Galibier (bis zu 4:30 Minuten, Anm. d. Red.) an, also denke ich, dass wir die Etappe dort 'verloren' haben. Aber trotzdem bereuen wir nichts: Wir hatten Jai vorne, haben ihm seine Chance gegeben und am Ende hat er mir trotzdem noch sehr geholfen, um auf den letzten drei Kilometern attackieren zu können."

Jai Hindley führt die Favoritengruppe die Abfahrt vom Col de Sarenne herunter – auf der Jagd nach Sepp Kuss und Richard Carapaz. | Foto: Cor Vos

Diese Attacke kam dann für den Etappensieg etwas zu spät, doch das wichtigste Ziel hatte Evenepoel eben doch souverän erreicht: Er behauptete seinen zweiten Gesamtrang souverän und vergrößerte seinen Vorsprung auf den Drittplatzierten Del Toro vor dem Finale in Paris auf 3:16 Minuten. Wenn auf dem Hauptstadt-Rundkurs über Montmartre und Champs-Élysées nichts verheerend schiefgeht, sollte an der Rangfolge auf dem Podium nicht mehr zu rütteln sein. Zwei Etappensiege, zwei zweite und ein dritter Platz auf weiteren Teilstücken sowie vor allem Gesamtplatz zwei: Darauf kann der Belgier stolz sein – und ist das auch.

In Paris eine Mischung aus Sicherheit und Siegeshunger

Trotzdem wollten weder Evenepoel noch Denk sich vorzeitig gratulieren lassen. "Wir haben nicht mehr die klassische Celebration-Etappe in Paris, sondern es ist morgen nochmal richtig Radrennen, wo man das verlieren kann, wofür wir jetzt 20 Etappen gekämpft haben", warnte der Teamchef und mahnte zur vollen Konzentration und dazu, den Fokus auf die Themen 'Sicherheit' und 'Verteidigung' zu legen.

Gleichzeitig aber ist Denk auch bewusst, dass der abschließende Etappensieg in der Stadt, in der sein Kapitän vor zwei Jahren Doppel-Olympiasieger wurde, sehr verlockend ist: "Remco ist ein Vollblutrennfahrer und will sicher noch etwas probieren." Und Evenepoel? Der versprach: "Wir werden also sicher etwas versuchen, aber nicht alles riskieren!"

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