RSNplusTour-Debütantin im Interview

Niedermaier: “In besserer Form, als ich sie beim Giro hatte“

Von Jens Claussen aus Lausanne

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Antonia Niedermaier (Canyon - SRAM - We Femmes) | Foto: Jens Claussen

31.07.2026  |  (rsn) – Nach beeindruckenden Leistungen beim diesjährigen Giro d'Italia (2.WWT), den sie als Gesamtzweite nur 30 Sekunden hinter Demi Vollering (FDJ - United Suez) beendet hatte, wird Antonia Niedermaier (Canyon – SRAM – We Femmes) im Alter von 23 Jahren ihr Debüt bei der Tour de France Femmes geben. Nominell als Edelhelferin für Kasia Niewiadoma, der Toursiegerin von 2024, aufgrund der aktuellen Form ist aber auch mehr drin.

Mit RSN sprach die gebürtige Rosenheimerin zwei Tage vor dem Grand Départ über die womöglich spannendste Woche ihrer Karriere, über ihre Erwartungen und die des Teams sowie über ihr Verständnis einer Leaderin.

“Antonia, wann haben Sie davon erfahren, dass Sie erstmals vom Team für die Tour nominiert sind?”
Antonia Niedermaier: “Ich wusste schon zu Saisonbeginn, dass ich die Tour fahren werde. In den letzten Jahren hatte ich zwar auch immer die Option, aber irgendetwas ist dann immer dazwischen gekommen oder ich war dann doch nicht fit.” ___STEADY_PAYWALL___

“Was schwingt für Sie beim Grand Départ mehr mit, die pure Freude endlich dabei zu sein oder der Fokus, in den kommenden Tagen, etwas ganz Großes erreichen zu können?”
Niedermaier: “Das ist eine Mischung aus beidem. Natürlich spüre ich den Druck, Kasia zu helfen, aufs Podium zu fahren, aber trotzdem freue ich mich auch total. Ich kann die Sache mit einer gewissen Lockerheit angehen, da ich nicht diejenige im Team bin, die auf GC fahren muss. Ich habe eine Art freie Rolle und kann mal in die Tour reinschnuppern. Klar bin ich in erster Linie da, um Kasia zu helfen, kann aber auch selbst mal was probieren.

Beim Giro d’Italia hielt Antonia Niedermaier mit den ganz Großen mit: Hier zwischen Anna van der Breggen (im Rosa Trikot) und der späteren Gesamtsiegerin Demi Vollering (vorn) | Foto: Cor Vos

“Wie wird die Teamtaktik der ersten Tage sein? Gilt von Tag 1 an “Alles für Kasia”?”
Niedermaier: “Bei der Tour wird jeden Tag hart gefahren. Da kann man sich kaum verstecken und wir müssen auch immer darauf reagieren, was die anderen Teams machen. Wir haben ja nicht nur Kasia und mich hier, sondern auch andere starke Fahrerinnen. Da müssen wir von Tag zu Tag schauen, wie wir die Karten spielen werden.”

“Niewiadoma ist die erklärte Leaderin des Teams, aber Sie sind die bessere Zeitfahrerin. Läuft es dann nicht auf eine Doppelspitze hinaus? Welches Szenario müssen wir uns vorstellen, wenn Sie nach dem Zeitfahren der 4. Etappe plötzlich vor ihr im Gesahmtklassement liegen?”

Niedermaier: “Ich bin kein Fan von dem Wort Doppelspitze, denn am Ende kann nur eine vorne stehen.”

“Was sich aber im Rennverlauf auch schnell ändern kann….”
Niedermaier: “Das stimmt, aber zunächst würde ich Kasia im Zeitfahren nicht zu sehr unterschätzen, da sie nochmal viel an diesem Thema gearbeitet hat. Und wenn ich nach dem Zeitfahren eine Lücke zu ihr haben sollte, gibt das den Vorteil, andere Optionen zu haben. Dann kann man auch mal sagen, man schickt Kasia ins Breakaway und ich bleibe erstmal sitzen.”

“Ist vor der Tour schon über solch eine Situation im Team gesprochen worden?”
Niedermaier: “Natürlich haben wir das schon mal angesprochen und ich habe mich auch mit Rolf (Aldag, Sportdirektor, d. Red.) darüber unterhalten, was die Szenarien sein könnten. Dass sowas passieren kann, ist jedem klar. Wie wir dann darauf reagieren, ist der Job von unseren Sportlichen Leitern.”

Nach neun Etappen landete Niedermaier (li.) als Gesamtzweite auf dem Giro-Schlusspodium. | Foto: Cor Vos

“Neben dem Zeitfahren wird die 7. Etappe hinauf zum Mont Ventoux als der Schlüssel zum möglichen Toursieg benannt. Sehen Sie das auch so?”
Niedermaier: “Der Mont Ventoux wird sicherlich eine der schwersten Etappen in dieser Tour und ich vermute, dass schon zu Beginn des Aufstiegs richtig hart gefahren wird. Das wird dann gegen Ende wahrscheinlich ein Ausscheidungsfahren.”

“Sind Sie den Berg schon mal hochgefahren?"
Niedermaier: “Ich bin ihn tatsächlich noch nie selber gefahren, kenne ihn aber von Veloviewer und aus dem Fernsehen in- und auswendig.”

“Titelverteidigerin Pauline Ferrand-Prévot sprach in einer Pressekonferenz über den Faktor Teamtaktik, der an diesem Tag eine mögliche Rolle spielen könnte. Wie ist ihr Team dafür im Vergleich zu Visma, FDJ, UAE und Lidl aufgestellt?”
Niedermaier: “Das hängt sehr stark davon ab, was die anderen Teams wollen und dann auch dementsprechend fahren. Wenn man nicht sieben sehr gute Bergfahrerinnen dabei hat, liegt es auf der Hand, dass man sich erstmal hinter den anderen versteckt, also eher defensiv fährt. Dann können wir reagieren und das funktioniert bei uns in der Regel ganz gut. Unser Line-Up gibt es her, auf dieser Etappe gut bestehen zu können.”

“Nach Ihrem erfolgreichen Giro haben Sie nur noch die Deutschen Meisterschaften auf der Straße und im Zeitfahren bestritten. Sind Sie enttäuscht, dass Sie nicht als 'Kirsche auf der Torte' bei Ihrer ersten Teilnahme ein Deutsches Meistertrikot auf Frankreichs Straßen präsentieren können?”
Niedermaier: “Klar hätte ich gerne das Trikot im Zeitfahren behalten. Ich wusste aber schon beim Recon des Kurses, dass der nichts für mich ist. Ein richtiger Drückerkurs, für den ich zu dem Zeitpunkt auch drei Kilo zu leicht war.”

Wie sahen die letzten Wochen Ihrer Vorbereitung aus? Waren Sie mit dem Team nochmal in der Höhe?
Niedermaier: “Ich war mit Chiara (Consonni) zwei Wochen lang in Livigno in der Höhe und habe durch diesen nochmaligen Boost das Gefühl, dass ich mit besserer Form in die Tour gehe als ich sie beim Giro hatte.”

Optimistisch vor dem Tour-Debüt: Antonia Niedermaier (Canyon – SRAM – We Femmes). | Foto: Jens Claussen

“Vor Wochen war zu lesen, dass Niewiadoma, deren Vertrag Ende des Jahres ausläuft, womöglich Richtung Lidl - Trek abwandert. Ist mit Ihnen in den letzten Wochen darüber gesprochen worden, dass Sie in der Zukunft noch mehr Verantwortung als bisher übernehmen könnten?”
Niedermaier: “Das Team hat von Beginn an langfristig mit mir geplant und mich langsam und behutsam an die Leaderrolle herangeführt. Aus diesem Grunde bin ich gut gewappnet für das, was in der Zukunft auf mich zukommen wird. Ich habe ja auch noch bis 2028 Vertrag und da werde ich noch einige Rennen vor mir haben, die ich als Leaderin bestreiten werde.”

“Welchen Anspruch haben Sie an sich selbst als Leaderin?”
Niedermaier: “Ich möchte ein Team so gut führen können, dass ich am Ende sagen kann: Jede hat ihren Job so gemacht, wie sie ihn machen soll. Auch an den Tagen, die nicht so gut gelaufen sind, möchte ich für mein Team da sein, um zu sagen: ‘Ich bin stolz auf euch‘.”

“Gehört dazu auch manchmal eine weniger nette Seite?”
Niedermaier: “Ich bin ein sehr harmoniebedürftiger Mensch und könnte es nicht, vor den anderen meinen Egoismus durchzusetzen. Deshalb fällt es mir ab und an auch schwer, mal durchzugreifen (lacht).”

“Bei der Männer-Tour haben die nächtlichen Dopingkontrollen bei Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard für Gesprächsstoff gesorgt. Fürchten Sie, dass Ihnen in den kommenden Tagen auch der Schlaf und damit ein Stück weit Regeneration genommen wird?”
Niedermaier: “Nächtliche Kontrollen werden normal nicht gemacht, aber natürlich kann das mal passieren. Und letztendlich machen die Kontrolleure auch nur ihren Job. Da muss man sich als Athlet darauf einstellen und das mitmachen. Man sollte das Geschehene jetzt nicht zu hoch hängen.”

“Was wünschen Sie sich für diese Tour?"
Niedermaier: “Ich würde mich total freuen, wenn wir als Team ein paar gute Ergebnisse und Erfolge feiern könnten. Natürlich auch über eine gute Tour von mir selbst, die ich als Sahnehäubchen mit einem Etappensieg gekrönt hätte.”

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