RSNplusPro und Contra zur 4. Paris-Nizza-Etappe

Red Bull: Wie Kühe zur Schlachtbank oder alles richtig gemacht?

Von Kevin Kempf und Felix Mattis

Foto zu dem Text "Red Bull: Wie Kühe zur Schlachtbank oder alles richtig gemacht?"
Red Bull - Bora - hansgrohe war trotz personeller Überlegenheit im Schlussanstieg der 4. Etappe von Paris-Nizza chancenlos gegen Jonas Vingegaard (Visma - Lease a Bike). | Foto: Cor Vos

12.03.2026  |  (rsn) – Was die Red-Bull-Fahrer auf der 4. Etappe von Paris-Nizza geleistet haben, war Extraklasse – daran besteht kein Zweifel. Doch die Ausbeute nach diesem epischen Teilstück zwischen Bourges und Uchon kann aus zweierlei Perspektive betrachtet werden.

In der Redaktion wurde diskutiert: Hat sich Red Bull in Uchon von Jonas Vingegaard  letztlich vorführen lassen oder ist das deutsche Team genau richtig vorgegangen? 

Die RSN-Redakteure Kevin Kempf und Felix Mattis vertreten in 'Pro und Contra' ihre Standpunkte.

Die Vorgeschichte: Mit Ausnahme von Aleksandr Vlasov war die gesamte Red-Bull-Mannschaft am regnerischen Mittwoch Teil der knapp 40-köpfigen ersten Gruppe, die sich im Wind schon nach wenigen Kilometern gebildet hatte. Dort war man die numerisch stärkste und auch die treibende Kraft.

Unermüdlich arbeiteten Tim und Mick van Dijke, Nico Denz, Callum Thornley und Laurence Pithie für Kapitän Daniel Martinez. Am Ende der Gruppe fielen Fahrer heraus und als dann rund 50 Kilometer vor Schluss unter anderem Juan Ayuso (Lidl – Trek) stürzte und das Rennen aufgeben musste, waren die van-Dijke-Zwillinge, Denz, Thornley und Martinez plötzlich sogar allein mit Jonas Vingegaard (Visma – Lease a Bike) und Mathias Vacek (Lidl – Trek).

Red Bull dominierte die Szenerie der 4. Etappe von Paris-Nizza und hatte dabei Jonas Vingegaard (Visma – Lease a Bike) im Schlepptau | Foto: Cor Vos

Kurz darauf fiel auch der Tscheche zurück und Red Bull war zu fünft gegen einen unterwegs. Trotzdem schien klar: Angesichts der mehrstufigen Bergankunft von Uchon war Red Bull nicht favorisiert. Denn dass Vingegaard, der zur Führungsarbeit nichts beitrug, bergauf der Stärkste sein würde, war naheliegend.

Anders als bei Ian Stannards Omloop-Sieg 2015, als der Brite sich gegen das Etixx-Trio Tom Boonen, Niki Terpstra und Stijn Vandenbergh durchsetzte, und bei Neilson Powless' Erfolg bei Dwars door Vlaanderen 2025, als der US-Amerikaner das Visma-Trio Wout van Aert, Tiesj Benoot und Matteo Jorgenson hinter sich ließ, war Vingegaard also nicht der Außenseiter in dieser Konstellation. Sein Erfolg war vielmehr ein glasklarer Favoritensieg.

Hat sich Red Bull nun lächerlich gemacht oder das Maximum herausgeholt? ___STEADY_PAYWALL___

Kevin Kempf:
Spätestens beim Zwischensprint mit 30 Kilometer vor dem Ziel war klar, dass Martinez im 1 gegen 1 chancenlos gegen Vingegaard sein würde. Trotzdem unternahm das Raublinger Quintett keinen einzigen Versuch, den Tagessieg zu erringen. Die Roten Bullen ließen sich von Vingegaard wie Kühe zur Schlachtbank führen.

Von hinten drohte keine Gefahr. Der Vorsprung betrug seit geraumer Zeit mehr als eine Minute und am vorletzten Anstieg hatte sich Georg Steinhauser (EF Education – EasyPost) von seinen Begleitern abgesetzt und verfolgte die van Dijkes sowie Martinez und Vingegaard nun ganz allein. Spätestens da, auf den letzten 20 Kilometern, hätte Red Bull taktieren können und müssen. Mit Angriffen im Flachen hätte man den Dänen aus der Reserve locken müssen.

Ob einer der Mannen des Sportlichen Leiters Sven Vanthourenhout weggekommen wäre? Vielleicht. Vermutlich nicht. Aber man hätte den Favoriten zumindest gefordert und eventuell eine Siegchance kreiert, bevor es in dessen Domäne ging: den Schlussanstieg. Denn so fantastisch die Situation dort mit einer 3-zu-1-Überzahlsituation erschien, so aussichtslos war sie gleichzeitig doch.

Als der Däne im Schlussanstieg antrat, hatten die Red-Bull-Profis dem nichts entgegenzusetzen. | Foto: Cor Vos

Es kam, wie es kommen musste. Mick van Dijke musste auf den acht Kilometern hinauf nach Uchon recht schnell passen, sein Bruder wuchs über sich hinaus und zog die beiden Kletterer bis zum Schlusskilometer den Berg hinauf. Als Vingegaard dann antrat, hatte er nichts entgegenzusetzen. Und viel schlimmer: Martinez ebenfalls nicht. Der Kolumbianer konnte sich nicht von seinem Helfer, der den ganzen Tag im Wind gefahren war, lösen. Der Däne fuhr davon und brummte ihm noch 41 Sekunden auf.

Red Bull ist offensichtlich nicht auf Sieg gefahren, als man Vingegaard bis zum Schlussanstieg mitnahm, sondern für Platz zwei - sowohl auf der Etappe als auch im Klassement. Doch selbst wenn die Kälte und Nässe dieses Tages Martinez die Kraft aus den Beinen gezogen haben sollten: Wenn seine Leistung am Schlussanstieg exemplarisch ist für das, was er bei Paris-Nizza noch zu leisten im Stande ist, könnte eine gute Gesamtplatzierung trotz des gestrigen Tages noch in Gefahr geraten. Dann war der ganze Extraklasse-Auftritt des Teams umsonst.

Felix Mattis:
Die Frage ist doch: Was hätte Red Bull sonst tun sollen? Man war deutlich in Überzahl und wenn es nur um den Etappensieg oder den Erfolg in einem Eintagesrennen gegangen wäre, hätte man natürlich taktisch anders auftreten und Vingegaard abwechselnd attackieren müssen. Stattdessen entschied man sich dafür, den möglichen Etappensieg für das Gesamtwertungspodium am Sonntag in Nizza zu opfern, das für Martinez ein echter Erfolg wäre.

"Keine Angst vor der Niederlage" – diese Marschroute hat der neue Sportdirektor Zak Dempster im Winter vorgegeben, um Offensivgeist zu fördern und Siege zu feiern. Am Mittwoch ging es darum, die Niederlage gegen Vingegaard nicht zu fürchten, um dafür aber den Rest des Feldes zu besiegen. Ja, man ist auf diese Weise eher für Platz zwei gefahren, als für Platz eins.

Dafür aber hat man eben diesen zweiten Platz mit möglichst großem Vorsprung abgesichert, indem man im Teamzeitfahrmodus durchzog, anstatt Vingegaard zu attackieren, damit den Rhythmus der Gruppe zu brechen und mit Martinez so wahrscheinlich weniger oder gar keine Zeit auf die anderen Kontrahenten herauszufahren – auch wenn dann vielleicht Denz oder einer der van-Dijke-Brüder als Solist die Etappe gewonnen hätte.

Red-Bull-Kapitän Daniel Martinez kam mit 41 Sekunden Rückstand ins Ziel und wurde Etappenzweiter. | Foto: Cor Vos

Dass Martinez im Schlussanstieg nicht mehr besonders stark wirkte, bestätigt sogar die Vorgehensweise des Teams noch: Je weniger der Kolumbianer in den kommenden Tagen bestehen kann, desto mehr Vorsprung vom Mittwoch wird er brauchen.

Steinhauser und auch der Ineos-Franzose Kévin Vauquelin wirkten im Finale von Uchon stärker als der Kolumbianer, das stimmt. Und ja, sie könnten ihn bei 2:28 beziehungsweise 2:47 Minuten Rückstand eventuell in den kommenden Tagen noch gefährden. Doch im Normalfall sollten sie das bei diesen Abständen auch nicht mehr tun können.

Dahinter fehlen Lenny Martinez (Bahrain Victorious) und David Gaudu (Groupama – FDJ) sogar bereits mehr als vier Minuten auf Daniel Martinez und alle weiteren Kontrahenten dürften nach diesem epischen Tag sowieso keine Chance mehr aufs Podium von Paris-Nizza haben. Das verdanken sie alle vor allem dem konsequenten Auftritt des Red-Bull-Teams an diesem denkwürdigen Mittwoch zwischen Bourges und Uchon.

Von daher: Alles richtig gemacht!

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