RSNplusKolumne zum größten Radrennen der Welt

Lindners Senf: Vom Sport, der gerne wie die Formel 1 wäre

Von Sebastian Lindner

Foto zu dem Text "Lindners Senf: Vom Sport, der gerne wie die Formel 1 wäre"
Sebastian Lindner schreibt über den Sport, der gerne wie die Formel 1 wäre.

16.07.2026  |  (rsn) – Die Menge tobt, die Motoren heulen auf, alle Ampeln sind auf Grün. Und dann geht es los. Die Karawane zieht weiter. Im Fall der Tour de France ist das die Werbekarawane, die jeden Tag vor dem Feld die Strecke abfährt und Kamellen schmeißt. Und, ja, wahrscheinlich "hät sogar dä Sultan Doosch". Aber im “Village“ – einer kleinen, an jedem Startort der Tour aufgebauten Pavillon-Stadt, in der sich die VIPs und andere Akkreditierte herumtreiben können – findet er sicher etwas zu trinken.

Die Karawane startet zur 12. Etappe auf der Motorsportrennstrecke Circuit de Nevers Magny-Cours, auf der bis 2008 viele Jahre lang auf die Formel 1 gastierte. Rekordsieger bei 18 Austragungen ist Michael Schumacher, er hält auch die schnellste Runde. Daran wird sich auch heute nichts ändern. Denn die Radprofis befahren den Kurs nur im neutralisierten Streckenteil hinter dem Auto von Tour-Chef Christian Prudhomme. Und der fährt Skoda, nicht Ferrari. Ansonsten bestünde durchaus Anlass zur Sorge, wie der Vortag gezeigt hat, als Sören Waerenskjold im Allzeit-Rekordtempo von 50,91 km/h siegte. 160 Kilometer in etwas mehr als drei Stunden. Das ist durchaus bemerkenswert. ___STEADY_PAYWALL___

Allerdings ist es genau das, wo der Radsport hinwill. Und auch Magny-Cours reiht sich dabei nicht nur in eine Reihe extravaganter Startorte wie das Disneyland, den Eurotunnel oder den Freizeitpark Futuroscope ein. In gewisser Weise symbolisiert er eine Sehnsucht, die den Sport auf zwei Rädern umtreibt. Denn er wäre gerne wie die Formel 1.

Gerade was Aerodynamik und Ingenieurskunst angeht, schwappt schon ganz viel Know-how aus der Königsklasse des Motorsports rüber zum Radsport. Gerade Red Bull – Bora – hansgrohe profitiert vom gemeinsamen Sponsor, der Zugang zu Personal und Technik ermöglicht und damit den Wissenstransfer vorantreibt. Aber auch Radhersteller testen immer häufiger im Windkanal, um das letzte Watt herauszuholen.

Die 12. Etappe der 113. Tour de France wurde auf der Formel-1-Rennstrecke in Magny-Cours gestartet. | Foto: Cor Vos

Aber auch in Sachen Vermarktung gibt es Bestrebungen, dem großen Vorbild ähnlicher zu werden. Die Stars der Szene mögen doch bitteschön öfter gegeneinander antreten als einmal im Jahr bei der Tour de France und vielleicht nochmal beim einen oder anderen Klassiker. Am besten: immer. Mindestens genauso wichtig: Globalität. Belgien ist super, hat aber leider nicht mal zwölf Millionen Einwohner und ist damit nicht mal halb so groß wie die eine oder andere Metropolregion in China, Indien, Brasilien oder sonstwo außerhalb Europas.

Mehr Interesse, mehr Geld: Die Rechnung ist einfach

Mehr Menschen, mehr potenzielles Interesse, mehr Geld. Die Rechnung ist einfach. Die Formel-1-Weltmeisterschaft sieht mittlerweile mehr Rennen außerhalb Europas als auf dem alten Kontinent. Allerdings ist es nicht so, dass es außerhalb Europas keine Radrennen gibt. Dass sich beispielsweise Emanuel Buchmann gerade bei der Tour of Magnificent Qinghai (selbstbewusster Name übrigens) in China auf über 3500 Metern – so hoch war die Tour in ihrer Geschichte noch nie – vulgär gesprochen gerade den Arsch abfriert, bekommt aber keine Sau mit. Oder vielmehr: Es interessiert niemanden. Das sehen wir an unseren Klickzahlen. Wenn es Jonas hingegen gemein findet, dass sein Kumpel Tadej bei der Tour ausgebuht wird, steppt hinter dem RSN-Artikel der Bär.

Den Versuch, Radsport in Asien populärer zu machen, unternimmt die A.S.O. mit ihren Tour-Kriterien in Japan oder Singapur schon seit Jahren, verpflichtet dafür sogar die Stars aus dem Sommer zur Teilnahme am Ende der Saison. Wirklich gefruchtet hat das bisher aber nicht. Dass da auch heimische Stars, und wenn es die größten der Szene überhaupt sind, nicht unbedingt dazu beitragen, kulturfremde Sportarten auf einem Markt zu implementieren, der sich einfach nicht dafür interessiert, hat zum Beispiel Lance Armstrong in den USA gezeigt. Der zumindest zwischenzeitlich siebenmalige Tour-Sieger – am Stück! – machte Amerika auch bloß nicht zum Radsportland. Dort fahren sie eben lieber große Motoren. Wie in der Formel 1.

Steht stellvertretend für die Globalisierung des Radsports: das in erster Linie vom Brausekonzern Red Bull finanzierte deutsche Team Red Bull – Bora - hansgrohe. | Foto: Cor Vos

Was die Tour ihrem Vorbild hingen schon voraus hat, ist die ökologische Bilanz. Die Zahlen unterscheiden sich je nach Quelle, aber die Tendenz ist ähnlich. Während es eine ganze Formel-1-Saison mitsamt der gesamten Wertschöpfungskette auf rund 160.000 Tonnen CO?-Äquivalent bringen soll, waren es nach drei Wochen Tour sage und schreibe 216.000 Tonnen. Das Kuriose dabei: 94 Prozent werden den anreisenden, wohnenden und konsumierenden Zuschauern angelastet.

Klingt so, als wäre es höchste Zeit, die Fans, wie bei der Formel 1, zu zahlenden Zuschauern zu machen. Auch das schwebt einigen Entscheidungsträgern im Radsport ja vor. Aber darüber unterhalten wir uns ein anderes Mal.

Weitere Radsportnachrichten

02.11.2026Nach 15 Jahren: Wegelius verlässt EF Education

(rsn) -Weitere Personalrochade bei EF Education – EasyPost: Der langjährige Sportdirektor Charles Wegelius verlässt das US-Team und schließt sich wohl der Schweizer Equipe Tudor ab der kommend

02.11.2026Lidl – Trek Future Racing gibt Aufgebot für 2027 bekannt

(rsn) – Lidl – Trek Future Racing, der U23-„Unterbau“ des deutschen WorldTour-Teams, hat sein Aufgebot für die kommende Saison bekanntgegeben. Unter den 16 Fahrern für 2027 sind elf Natio

02.11.2026Teutenberg wechselt zu Rembe – rad-net

Lea Lin Teutenberg wechselt nach zwei Jahren beim Team Lotto – Intermarché zur deutschen Equipe Rembe – rad-net. Nach neun Jahren als Profi auf WorldTour- oder ProTour-Level geht die 27-Jährig

02.11.2026Berrade wechselt zu XDS - Astana

(rsn) - In unserem ständig aktualisierten Transferticker informieren wir Sie regelmäßig über Personalien aus der Welt des Radsports. Ob es sich um Teamwechsel, Vertragsverlängerungen oder Rücktr

02.11.2026Offiziell: Finn steigt ins Red-Bull-WorldTour-Team auf

(rsn) – Nach drei Jahren beim Team Grenke – Auto Eder und bei den Red Bull – Bora – hansgrohe Rookies steigt Lorenzo Finn ab der kommenden Saison ins WorldTour-Team auf. Dieser Schritt des 19

01.11.2026Seixas 2027 zum Giro? “Derzeit ist alles möglich“

(rsn) – Nachdem er bei seiner Grand-Tour-Premiere als Vierter der Frankreich-Rundfahrt nur knapp das Podium verpasst hat, ruhen auf Paul Seixas (Decathlon – CMA CGM) noch mehr Hoffnungen, dass er

01.11.2026Thibau macht am Koppenberg das “Nys-Dutzend“ voll

(rsn) – Thibau Nys (Baloise – Het Poetsbureau Lions) hat zum Auftakt zur X2O Badkamer Trofee seinen Titel beim Koppenbergcross verteidigt. Der Belgier war in Oudenaarde nach einem spannenden Duell

01.11.2026Souveräne Vorstellung: Brand gewinnt langen Koppenbergcross

(rsn) – Lucinda Brand (Baloise – Het Poetsbureau Lions) hat in Oudenaarde den Auftakt zur X2O Badkamer Trofee gewonnen. Die Niederländerin war beim Koppenbergcross nach 53:29 Minuten 53 Sekunden

01.11.2026Keine Chance auf Giro-Wildcard: Bardiani vor dem Aus

(rsn) – Der Zweitdivisionär Bardiani – CSF 7 Saber gehört zu den Traditionsteams im Profi-Peloton. Die kommenden Saison könnte aber die letzte des seit 1982 bestehenden Rennstalls sein, wie GrÃ

01.11.2026Denk: “Aus Remco den besten Evenepoel aller Zeiten gemacht“

(rsn) – Nach Sportchef Zak Dempster hat sich nun auch Manager Ralph Denk begeistert über die Saison 2026 gezeigt. “Wir standen bei jeder Grand Tour mit verschiedenen Fahrern auf dem Podium. Von v

01.11.2026Pogacar-Manager kündigt neues Radsport-Projekt an

(rsn) - In wenigen Worten auf den Punkt gebracht, deshalb aber nicht weniger interessant: In unserer Rubrik "Kurz gemeldet" fasst die Redaktion von radsport-news.com die Nachrichten aus der Welt des R

31.10.2026Fahrerinnen äußern Bedenken bei Sicherheit und Finanzen

(rsn) – Die Organisation Cyclist Alliance hat ihren Bericht zu Situation im Frauen-Peloton veröffentlicht. In der Studie, deren 43-seitiger Bericht auf einer Umfrage von 127 Profi-Fahrerinnen auf

RADRENNEN HEUTE
  • Keine Termine