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16.07.2026 | (rsn) – Die Menge tobt, die Motoren heulen auf, alle Ampeln sind auf Grün. Und dann geht es los. Die Karawane zieht weiter. Im Fall der Tour de France ist das die Werbekarawane, die jeden Tag vor dem Feld die Strecke abfährt und Kamellen schmeißt. Und, ja, wahrscheinlich "hät sogar dä Sultan Doosch". Aber im “Village“ – einer kleinen, an jedem Startort der Tour aufgebauten Pavillon-Stadt, in der sich die VIPs und andere Akkreditierte herumtreiben können – findet er sicher etwas zu trinken.
Die Karawane startet zur 12. Etappe auf der Motorsportrennstrecke Circuit de Nevers Magny-Cours, auf der bis 2008 viele Jahre lang auf die Formel 1 gastierte. Rekordsieger bei 18 Austragungen ist Michael Schumacher, er hält auch die schnellste Runde. Daran wird sich auch heute nichts ändern. Denn die Radprofis befahren den Kurs nur im neutralisierten Streckenteil hinter dem Auto von Tour-Chef Christian Prudhomme. Und der fährt Skoda, nicht Ferrari. Ansonsten bestünde durchaus Anlass zur Sorge, wie der Vortag gezeigt hat, als Sören Waerenskjold im Allzeit-Rekordtempo von 50,91 km/h siegte. 160 Kilometer in etwas mehr als drei Stunden. Das ist durchaus bemerkenswert. ___STEADY_PAYWALL___
Allerdings ist es genau das, wo der Radsport hinwill. Und auch Magny-Cours reiht sich dabei nicht nur in eine Reihe extravaganter Startorte wie das Disneyland, den Eurotunnel oder den Freizeitpark Futuroscope ein. In gewisser Weise symbolisiert er eine Sehnsucht, die den Sport auf zwei Rädern umtreibt. Denn er wäre gerne wie die Formel 1.
Gerade was Aerodynamik und Ingenieurskunst angeht, schwappt schon ganz viel Know-how aus der Königsklasse des Motorsports rüber zum Radsport. Gerade Red Bull – Bora – hansgrohe profitiert vom gemeinsamen Sponsor, der Zugang zu Personal und Technik ermöglicht und damit den Wissenstransfer vorantreibt. Aber auch Radhersteller testen immer häufiger im Windkanal, um das letzte Watt herauszuholen.
Die 12. Etappe der 113. Tour de France wurde auf der Formel-1-Rennstrecke in Magny-Cours gestartet. | Foto: Cor Vos
Aber auch in Sachen Vermarktung gibt es Bestrebungen, dem großen Vorbild ähnlicher zu werden. Die Stars der Szene mögen doch bitteschön öfter gegeneinander antreten als einmal im Jahr bei der Tour de France und vielleicht nochmal beim einen oder anderen Klassiker. Am besten: immer. Mindestens genauso wichtig: Globalität. Belgien ist super, hat aber leider nicht mal zwölf Millionen Einwohner und ist damit nicht mal halb so groß wie die eine oder andere Metropolregion in China, Indien, Brasilien oder sonstwo außerhalb Europas.
Mehr Menschen, mehr potenzielles Interesse, mehr Geld. Die Rechnung ist einfach. Die Formel-1-Weltmeisterschaft sieht mittlerweile mehr Rennen außerhalb Europas als auf dem alten Kontinent. Allerdings ist es nicht so, dass es außerhalb Europas keine Radrennen gibt. Dass sich beispielsweise Emanuel Buchmann gerade bei der Tour of Magnificent Qinghai (selbstbewusster Name übrigens) in China auf über 3500 Metern – so hoch war die Tour in ihrer Geschichte noch nie – vulgär gesprochen gerade den Arsch abfriert, bekommt aber keine Sau mit. Oder vielmehr: Es interessiert niemanden. Das sehen wir an unseren Klickzahlen. Wenn es Jonas hingegen gemein findet, dass sein Kumpel Tadej bei der Tour ausgebuht wird, steppt hinter dem RSN-Artikel der Bär.
Den Versuch, Radsport in Asien populärer zu machen, unternimmt die A.S.O. mit ihren Tour-Kriterien in Japan oder Singapur schon seit Jahren, verpflichtet dafür sogar die Stars aus dem Sommer zur Teilnahme am Ende der Saison. Wirklich gefruchtet hat das bisher aber nicht. Dass da auch heimische Stars, und wenn es die größten der Szene überhaupt sind, nicht unbedingt dazu beitragen, kulturfremde Sportarten auf einem Markt zu implementieren, der sich einfach nicht dafür interessiert, hat zum Beispiel Lance Armstrong in den USA gezeigt. Der zumindest zwischenzeitlich siebenmalige Tour-Sieger – am Stück! – machte Amerika auch bloß nicht zum Radsportland. Dort fahren sie eben lieber große Motoren. Wie in der Formel 1.
Steht stellvertretend für die Globalisierung des Radsports: das in erster Linie vom Brausekonzern Red Bull finanzierte deutsche Team Red Bull – Bora - hansgrohe. | Foto: Cor Vos
Was die Tour ihrem Vorbild hingen schon voraus hat, ist die ökologische Bilanz. Die Zahlen unterscheiden sich je nach Quelle, aber die Tendenz ist ähnlich. Während es eine ganze Formel-1-Saison mitsamt der gesamten Wertschöpfungskette auf rund 160.000 Tonnen CO?-Äquivalent bringen soll, waren es nach drei Wochen Tour sage und schreibe 216.000 Tonnen. Das Kuriose dabei: 94 Prozent werden den anreisenden, wohnenden und konsumierenden Zuschauern angelastet.
Klingt so, als wäre es höchste Zeit, die Fans, wie bei der Formel 1, zu zahlenden Zuschauern zu machen. Auch das schwebt einigen Entscheidungsträgern im Radsport ja vor. Aber darüber unterhalten wir uns ein anderes Mal.