RSNplusTour-Podium trotz Zeitverlust weiter möglich?

Lipowitz nach Evenepoel-Sieg “für alles offen“

Von Felix Mattis aus Cluses

Foto zu dem Text "Lipowitz nach Evenepoel-Sieg “für alles offen“"
Florian Lipowitz (Red Bull - Bora - hansgrohe) auf der 15. Etappe der Tour de France. | Foto: Cor Vos

19.07.2026  |  (rsn) – Florian Lipowitz (Red Bull – Bora – hansgrohe) hat auf der 15. Etappe hinauf zum Plateau de Solaison die bislang drittgrößte Niederlage seiner Tour-de-France-Karriere im Kampf um einen Podestplatz hinter Tadej Pogacar (UAE - Emirates - XRG) oder Jonas Vingegaard (Visma - Lease a Bike) in der Gesamtwertung kassiert. So drastisch kann man es, ganz ketzerisch und rein statistisch, tatsächlich ausdrücken.

Das liegt allerdings nicht daran, dass es tatsächlich eine krachende Niederlage gewesen wäre, die er als Tagesfünfter beim Alpen-Auftakt zum Ende der zweiten Tour-Woche hinnehmen musste. Vielmehr ist dieser Fakt eine Folge dessen, dass der 25-Jährige bei seinen 36 Tour-Etappen bisher eben stets zu den Allerbesten im Kampf um Rang drei hinter dem Überflieger-Duo aus Slowenien und Dänemark gehörte:

Am Col de La Loze verlor Lipowitz auf Etappe 18 im vergangenen Jahr 1:39 Minuten auf seinen ärgsten Kontrahenten um Rang drei, Oscar Onley (damals Picnic - PostNL). Und im Zeitfahren von Caen auf Etappe 5 waren es damals 58 Sekunden auf den da noch für Soudal fahrenden Remco Evenepoel, der einige Tage später in den Pyrenäen aber aufgab. ___STEADY_PAYWALL___

Remco Evenepoel feierte am Plateau de Solaison den Etappensieg vor Tadej Pogacar. | Foto: Cor Vos

Nun am ersten Alpen-Tag der Tour 2026 waren es 52 Sekunden Rückstand plus vier Sekunden Zeitgutschrift, die er auf Isaac Del Toro (UAE – Emirates – XRG) einbüßte – denn die 58 plus zehn Sekunden auf Etappensieger und Teamkollege Evenepoel sind schließlich keine Niederlage gegen einen Kontrahenten. Oder sieht das jemand anders?

"Ich bin für alles offen"

Lipowitz jedenfalls offenbar nicht. Evenepoel ist kein Gegner, sondern Partner. Und der gebürtige Laichinger kann sich vorstellen, von nun an in die Rolle des Edelhelfers zu schlüpfen, erklärte er nach dem fulminanten Sieg von Evenepoel bei der ersten Alpen-Bergankunft der 113. Frankreich-Rundfahrt. "Wir werden natürlich im Team reden und ich bin offen für alles", signalisierte er.

"Remco hat heute definitiv gezeigt, dass er ganz vorne mitfahren kann und am Dienstag kommt seine Spezialdisziplin. Deshalb denke ich - ja, wir werden im Team sprechen, und sicher dann einen Plan für die letzte Woche machen. Ich bin dann auch happy, ihm dabei zu helfen", sagte der Deutsche am Mannschaftsbus zu den deutschen und belgischen Medienvertretern, nachdem er gegenüber der ARD im Ziel bereits betont hatte: "Das größte Ziel für uns ist es, jemanden auf dem Podium zu haben. Wenn es gut läuft, sogar den zweiten Platz - und da nehme ich mich auch selbst mal zurück."

Als Co-Leader in die Tour gestartet: Remco Evenepoel (links) und Florian Lipowitz bei der Teampräsentation in Barcelona. | Foto: Cor Vos

Lipowitz zeigte sich glücklich ob des Sieges seines Co-Kapitäns, der nun in der Gesamtwertung fünf Minuten hinter Pogacar Zweiter ist und 58 Sekunden Vorsprung auf Del Toro sowie 1:23 Minuten auf den Gesamtvierten Paul Seixas (Decathlon – CMA CGM) hat. Der Vorjahresdritte selbst folgt 1:48 Minuten hinter Evenepoel auf Platz fünf.

"Ihn auf dem Level zu sehen war beeindruckend"

"Das ist definitiv ein großer Erfolg für unser Team. Unser Fokus lag immer auf dem GC, aber es nimmt auch viel Druck vom Team, jetzt einen Etappensieg zu haben. Ich bin superhappy für ihn. Er hat eine wirklich gute Leistung gezeigt, und ihn auf dem Level von Tadej und Del Toro zu sehen war ziemlich beeindruckend", befand Lipowitz, der hinauf zum Ziel am Hinterrad von Seixas blieb und den Rückstand zum Spitzenreitertrio so anwachsen sehen musste.

Taktisch wäre es wohl zumindest von den belgischen Fans hinterfragt worden, hätte er Seixas bei der Verfolgung des Spitzentrios geholfen. Fraglich scheint aber ohnehin, ob er dazu in der Lage gewesen wäre. "Ich war natürlich schon auch am Limit und immer froh, als es dann ein bisschen flacher wurde. Ich war froh, dass Seixas mich bis ins Ziel gebracht hat", meinte Lipowitz selbst. Auch die TV-Bilder legten nahe, dass er nicht schneller gekonnt hätte.

Lipowitz biss sich am Hinterrad von Seixas fest. | Foto: Cor Vos

"Der Plan war eigentlich, dass wir den Berg von unten in unserem Tempo hochfahren und ihn schön pacen – und dann lag's einfach heut' an den Beinen, glaub' ich", so Lipowitz, der aber mit Blick auf die noch anstehende Schlusswoche auch selbst noch alle Chancen auf einen Podestplatz hat. Die zahlreichen langen Berge auf den Etappen 18, 19 und 20 dürften ihm entgegenkommen und der bisherige Tour-Verlauf hat gezeigt, dass die Leistungskurven der Podiumskandidaten alles andere als linear sind.

Leistungen der Podiumskandidaten bisher wenig linear

Am Col du Tourmalet, im Zentralmassiv in Richtung Le Lioran und auch am Col du Haag in den Vogesen bekam Evenepoel Probleme mit dem Klettertempo der Konkurrenz. In Le Lioran auf Etappe 10 büßte Del Toro bereits eine knappe Minute ein und nun hinauf zum Plateau de Solaison waren es eben Seixas und Lipowitz, die Federn ließen.

"Ich bleibe natürlich zuversichtlich und es ist noch lang. Es kommen noch sehr harte Tage, ich bin soweit aber ganz happy", sagte er, und: "Del Toro und Seixas haben heute wieder gezeigt, dass sie ganz gut in Form sind. Ich versuche natürlich, immer dran zu bleiben. Und wenn ich dann so lange wie möglich mit Remco dabeibleiben kann, mal schauen, für was es dann reicht."

Spannend: Pogacar wird im Gelben Trikot nun zum Edelhelfer für Del Toro, um den Mexikaner aufs Podium zu hieven. | Foto: Cor Vos

Interessant für die kommende Woche ist dabei vor allem der letzte Teil der Aussage: "so lange wie möglich mit Remco dabeibleiben". Denn was sich nun alle fragen ist, was passiert, wenn er nur ohne Evenepoel dabeibleiben könnte? Darf Lipowitz das dann noch? In Sachen Podestplatz fürs Team könnte man da in beide Richtungen argumentieren.

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