RSNplusGravel-Spezialistin vor Tour-Debüt

Klöser tanzt auf drei Hochzeiten

Von Tom Mustroph

Foto zu dem Text "Klöser tanzt auf drei Hochzeiten"
Rosa Klöser (Canyon - SRAM - We Femmes | Foto: Cor Vos

29.07.2026  |  (rsn) - Rosa Klöser liebt Herausforderungen. Kaum hatte sie sich ihr erstes Rennrad zugelegt, machte sie sich auf einen 350 Kilometer langen Ritt von Hamburg nach Kopenhagen. “Es war echt hart, weil ich damals natürlich nicht die Fitness hatte, 350 Kilometer Fahrrad zu fahren. Aber mit ein paar Zimtschnecken und ein paar Stopps hat es dann doch geklappt“, blickte die 30-Jährige, die erst seit letzter Saison Straßenprofi ist und ab dem 1. August ihre erste Tour de France Femmes im Team Canyon - SRAM – We Femmes bestreiten wird, im Gespräch mit RSN auf ihre Anfänge zurück.

Bei der Tour wird sie sich vor allem in den Dienst ihrer Kapitänin Kasia Niewiadoma-Phinney stellen. Chancen als Ausreißerin rechnet Klöser sich aber doch aus, und zwar auf der 3.und 6. Etappe. “Aber da muss man natürlich mit dem Team im Detail besprechen, was es da für Möglichkeiten gibt“, schränkte sie vorsichtig ein. Vor allem aber freute sie sich auf die 7. Etappe hoch zum Mont Ventoux. “Ich stelle mir das extrem schön vor, dort oben auf dem Berg anzukommen und habe von sehr vielen Leuten gehört, dass das ein atemberaubender Ausblick sein soll“, meinte Klöser. ___STEADY_PAYWALL___

Ihr Aufstieg im Radsport verlief ähnlich steil, wie es die Auffahrt zum “Riesen der Provence“ ist. Denn vor sechs Jahren fuhr Klöser noch Stadtrad in Kopenhagen, wo sie Wirtschaftswissenschaften studierte. Etwa sechs Kilometer betrug der Weg von der Wohnung zur Uni. “Damals war ich gerade mit meinem Master an der Kopenhagen Business School fertig geworden und begann mein Doktorandinnendasein. Da wurde mir mein Rad geklaut. Und weil in Kopenhagen aufgrund der fantastischen Infrastruktur fast jeder Rad fährt und jeder Dritte ungefähr ein Rennrad hat, habe ich mich davon motivieren lassen, mir selbst ein Rennrad zu kaufen“, erzählte sie. Dass war kurioserweise schon ein Canyon, allerdings das Einsteigermodell. “Ich weiß noch, es hat damals 1.149 € gekostet – und war für mich auf jeden Fall ein Rieseninvestment.“ Schnell fand sie aber Anschluss an Kopenhagens Rennrad-Bubble.

Zufallsentdeckung Traka

Nach einem gewaltigen Straßenabenteuer mit dem individuellen Radmarathon zwischen Hamburg und Kopenhagen entflammte aber ihr Herz für Gravel. “Bei meinem ersten Fahrradurlaub 2022 sind wir ins Gravel-Mekka Girona geflogen. Wir hatten aber Straßenräder dabei. Meins ist dort kaputt gegangen, es war etwas mit der Schaltung. In dem Fahrradshop, in dem das repariert wurde, trafen wir auf einen der ersten Gravel-Profis überhaupt, Piotr Havik. Und der hat uns empfohlen, uns für die Zeit, in der mein Rad repariert wurde, Gravelräder auszuleihen, weil Gravel in Girona eben viel Spaß macht. Und um die Sache zu krönen, war das ausgerechnet die Woche, in der Traka stattfand, das größte Gravel-Rennen Europas. Havik hat uns dann auch noch eingeladen, ihn bei seinem Recon für das Traka zu begleiten“, erzählte Klöser.

Rosa Klöser bei der Gravel-WM 2023 im Vene-to | Foto: Cor Vos

Sie machte dann bei den Fahrten im Gelände – trotz einiger Schreie bei den Abfahrten, wie sie zugibt – eine so gute Figur, dass Havik ihr nahelegte, es mit Gravel zu versuchen. Das verzögerte sich etwas, auch weil die frisch gebackene Wirtschaftswissenschaftlerin – Forschungsschwerpunkt “Grüne Transformation der Schiffahrtsindustrie“ – erst noch einen Forschungsaufenthalt am renommierten Massachussetts Institute of Technology (MIT) hatte.

Dort, in den USA, feierte sie beim Unbound Gravel über 326,35 Kilometer – also etwas kürzer als Hamburg – Kopenhagen, dafür auf Schotter – den überraschenden Sieg. Nach diesem Coup Anfang Juni 2024 war sie in der internationalen Gravelszene eine Größe. Drei Wochen später machte sie als Neunte im Straßenrennen der Deutschen Meisterschaften inmitten eines Profipelotons auf sich aufmerksam. Schnell kam dann der Vertrag mit Ronny Laukes Canyon-Rennstall zustande.

Dreigleisig unterwegs: Promotion, Straße und Gravel

Seitdem fährt Klöser zwei-, nein dreigleisig. Denn sie verfolgt ja weiter ihr Promotionsvorhaben in den Wirtschaftswissenschaften, fährt im Frühjahr Klassiker auf der Straße, um im Mai die Gravelszene bei Unbound und Traka (letzteres gewann sie in diesem Jahr) aufzumischen und dann im Sommer erneut auf die Straße zu wechseln. Jetzt folgt das Debüt beim größten aller Rennen, die Tour de France Femmes.

Natürlich freut sie sich darauf, ist “super positiv und super motiviert“, wie sie RSN erzählte. “Für die meisten Radsportler ist es eines der größten Dinge, mal bei der Tour de France am Start zu stehen. In einem zweiten Schritt hoffe ich, gute Leistungen bringen zu können“, ergänzte sie. Leistungen vor allem als Helferin für Ex-Tour-Siegerin Niewiadoma-Phinney, wie sie betonte.

Bei Paris-Roubaix imponierte Klöser im April mit einem 65-Kilometer-Solo | Foto: Cor Vos

Perspektivisch sieht Klöser sich aber auch als Rundfahrerin, die in nicht zu ferner Zukunft bei Etappenrennen angreifen will. Ihre bisherige Rundfahrterfahrung beschränkte sich zwar auf die Tour de Suisse in der vergangenen Saison. “Die war auch in diesem Jahr geplant. Aber leider hatte ich dann eine Infektion, die mir nicht erlaubt hat, teilzunehmen. Ich weiß aber, dass mein Körper die hohen Volumina, die ich als Gravelfahrerin trainiere, recht gut verträgt. Die gehen über das Pensum der Straßenfahrerinnen hinaus“, sagte sie und unterstrich: “Ich denke, ich bringe da schon die richtigen Voraussetzungen mit. Gravel-Rennen gehen teilweise über zehn Stunden. Eine Woche danach gibt es oft das nächste. Ich weiß recht gut, wie sich mein Körper wieder erholt. Dementsprechend habe ich das Gefühl, dass ich auch durch so ein Etappenrennen gut durchkomme, also vielleicht nicht besser werde im Verlauf der Rundfahrt, aber vielleicht weniger schlecht als andere.“ Den Beweis will sie jetzt bei dieser Tour de France Femmes erbringen.

Auch in Zukunft will sie zweigleisig unterwegs sein, auf Asphalt wie auf Schotter. “Es ist auf jeden Fall geplant, nächstes Jahr das Programm noch mal strukturierter anzugehen. Ich möchte definitiv einige Rundfahrten mitfahren. Und mir spielt in die Karten, dass jetzt die Vuelta der Frauen im September ist. Bislang konnte ich nie Vuelta oder Giro mitfahren, weil die Vuelta am Tag von Traka losgeht und Giro geht am Tag von Unbound los. Und das sind die zwei wichtigsten Gravel-Rennen für meine Sponsoren“, beschrieb Klöser bisherige Zielkonflikte, die aufgrund der Kalenderveränderungen im Straßenradsport der Frauen in Zukunft nicht mehr so drastisch ausfallen sollten.

Die Verteidigung ihrer Doktorarbeit will Klöser dann auch noch irgendwann zwischen Straßen- und Gravelrennen terminieren. Ein ambitioniertes Programm.

Aktivistin für Gendergerechtigkeit im Radsport

Als Wirtschaftswissenschaftlerin hat sie natürlich auch einen ganz besonderen Blick auf die Strukturen im Frauenradsport. Dabei sieht Klöser die Gravelszene in Sachen Geschlechtergerechtigkeit schon wesentlich weiter als den Straßenradsport. “Für mich ist Gravel ein Sport des 21. Jahrhunderts“, rief sie aus – und erklärte: “Es gibt nicht diese Gender-Gaps wie im Straßenradsport. Beim Gravel ist auch das Livestreaming zwischen Männern und Frauen sehr ähnlich, die Top-Frauen verdienen auch ähnlich wie Top-Männer.“

Im Straßenradsport hingegen seien die Unterschiede zwischen den Geschlechtern “unverhältnismäßig groß - gerade wenn wir uns die Vergütung anschauen, aber auch die Preisgelder bei einzelnen Events.“ Klöser, in dieser Saison über die ersten 65 Kilometer von Paris – Roubaix als Soloausreißerin auch eine Art Alleinunterhalterin, macht sich vor allem stark für umfangreichere Streamingzeiten. Ihr Soloritt fand komplett abseits der Livekameras statt. Und als das Streaming dann einsetzte, waren ihrer Aussage nach die Zahlen so gut, dass auch Sponsoren perspektivisch interessiert sein dürften, in die Frauenrennen mehr zu investieren.

“Hat man längere Livestreamingzeiten und bessere Uhrzeiten für Rennen, steigt auch die intrinsische Motivation für Sponsoren, in den Sport einzusteigen“, so die Überzeugung der Ökonomin. Ihre Stimme jedenfalls will Klöser auch in Zukunft erheben. “Ich sehe mich da auch ein bisschen als Aktivistin, dass wir da eine Gleichheit schaffen“, meinte sie. Von den Verbänden erhofft sie sich mehr Unterstützung für die Kontinental-Teams als Basis der Pyramide des Profiradsports.

Macht durchaus Sinn, auf sie zu hören. Und dank zweier Zufälle, erst ein geklautes Rad, das zur Investition Rennrad führte, und dann ein kaputtes Rennrad, das den Einstieg in den Gravelsport ebnete, hat der deutsche Frauenradsport nun ganz unverhofft ein weiteres Talent, das die Tour zum Lernen, Helfen und vielleicht auch schon Brillieren nutzen will.

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