RSNplusMit starker Schlusswoche in die Top 5

“Verrückt“: Martinez übertrifft Tour-Ergebnis des Großvaters

Von Matthias Seng

Foto zu dem Text "“Verrückt“: Martinez übertrifft Tour-Ergebnis des Großvaters"
Lenny Martinez (Bahrain Victorious) | Foto: Cor Vos

26.07.2026  |  (rsn) – Zwar wird die 113. Tour de France aller Voraussicht nach ohne Etappensieg eines heimischen Fahrers zu Ende gehen. Auch muss das Gastgeberland weiter auf den ersten Triumph eines Franzosen in der Gesamtwertung seit Bernard Hinault 1985 warten.

Doch der Blick auf das Gesamtklassement dürfte die französischen Fans zumindest ein wenig trösten. Vor der finalen Etappe über die Champs-Élysées in Paris nämlich finden sich gleich drei Franzosen in den Top Ten. Während Jungstar Paul Seixas (Decathlon – CMA CGM) als voraussichtlicher Gesamtvierter die hohen Erwartungen trotz des verpassten Podiums erfüllte und Jordan Jegat (TotalEnergies) auf Rang zehn sein Ergebnis aus dem Vorjahr bestätigen dürfte, ist der Gesamtfünfte eine mindestens mittelgroße Überraschung. ___STEADY_PAYWALL___

Mit Rang sechs auf der Königsetappe festigte Lenny Martinez (Bahrain Victorious) in Alpe d’Huez die Position im Klassement, auf die er am ersten Alpe-d’Huez-Tag vorgerückt war. “Es ist verrückt. Ich bin gar nicht hierhergekommen für die Gesamtwertung und jetzt beende ich sie als Fünfter“, zeigte sich der 23-jährige Franzose im Ziel der 20. Etappe selber überrascht von seiner Vorstellung, mit der er eine beeindruckende Schlusswoche krönte.

“Das Team glaubt daran“: Bahrain Victorious gab bei dieser Tour alles für Kapitän Lenny Martinez (Mi.). | Foto: Cor Vos

Zunächst hatte er sich am vergangenen Sonntag als Sechster an der Bergankunft am Plateau de Solaison vom zehnten auf den achten Platz der Gesamtwertung verbessert. Nach dem zweiten Ruhetag machte Martinez mit einem soliden 20. Platz im Zeitfahren – eine vom Kletterspezialisten nicht gerade geliebte Disziplin - einen weiteren Platz gut.

Damit aber nicht genug, kämpfte er auf der 19. Etappe sogar mit um den Tagessieg. Nur Dominator Tadej Pogacar (UAE – Emirates – XRG) kam am Ende der berühmten 21 Spitzkehren vor Martinez im Ziel in Alpe d’Huez an. Der aber verbesserte sich als Tageszweiter auf den fünften Gesamtrang, den er schließlich auf der vorletzten Etappe souverän verteidigte und dabei erneut vor seinem Landsmann Seixas landete, auf den der Fokus der gesamten französischen Öffentlichkeit gerichtet war.

Mit neuem Gel “zurück im Spiel“

“Ich war völlig fokussiert, am letzten Anstieg hatte ich aber keine Energie mehr übrig, weil ich keine Flaschen und Gels mehr hatte. Am Ende habe ich jemanden gefunden, der mir ein Gel gegeben hat und ich war wieder zurück im Spiel“, erzählte Martinez von seinem erfolgreichen Kampf, nach dem er seine dritte Tour de France – beim Debüt 2024 landete er auf Platz 124, im vergangenen Jahr lief es mit Rang 79 nicht viel besser – als fünftbester Teilnehmer beenden wird.

Als Zweiter der 19. Tour-Etappe rückte Martinez auf Rang fünf der Gesamtwertung vor. | Foto: Cor Vos

Damit hatte sein Sportlicher Leiter Enrico Gasparotto “einen Monat vor der Tour definitiv nicht gerechnet“, wie der Schweizer im Ziel der 19. Etappe gegenüber RSN freimütig bekannte. “Aber mit der Tour de Suisse, als er bei der letzten Etappe nach Villars-sur-Ollon starke Werte gebracht hat (und Zweiter hinter Pogacar wurde, d. Red. ), wussten wir, dass er generell gute Beine hat“, fügte der Schweizer jedoch an.

Dennoch sei erst im Verlauf der Frankreich-Rundfahrt dem ganzen Team klar geworden, “dass etwas Großes möglich ist. Das hat sich während der Tour so entwickelt“, sagte Gasparotto, der von 2022 bis Mitte 2025 als Sportlicher Leiter in Diensten von Red Bull – Bora – hansgrohe stand, ehe er Ende Juli zu Bahrain Victorious wechselte. “Das ganze Team betreibt einen großen Aufwand und glaubt auch daran. Ich habe das auch schon bei den vergangenen großen Rundfahrten erlebt. Das ist ein gutes Gefühl, das man im Team haben will Gemeinsam zu wachsen und beim finalen Showdown der Tour in einer guten Stimmung anzukommen“, fügte der zweimalige Amstel-Gold-Gewinner an.

1978 gewann Mariano Martinez das Gepunktete Trikot der Tour und landete im Gesamtklassement auf Rang zehn. Das Ergebnis seines Großvaters übertraf Lenny Martinez nun. | Foto: Cor Vos

Nun fehlen Martinez noch 88,7 Kilometer zu seinem wohl größten Erfolg der Karriere. “Ich fühle sehr viele Emotionen, auch weil es morgen nach Paris geht und es dann vorbei ist“, sagte er im Ziel der Königsetappe. Wenn es “dann vorbei ist“ wird er zudem seinen Großvater im Gesamtklassement übertroffen haben. Mariano Martinez nämlich beendete die Tour 1978 auf dem zehnten Platz. “Ja, das ist verrückt. Dass ich hier Fünfter bin, ist einfach unglaublich. Das Team hat an mich geglaubt, hat gesagt, dass ich von der Kraft her unter den Top vier bin, und vielleicht hatten sie Recht“, sagte er.

Zu den Top 4 – von Seixas trennen ihn 1:06 Minuten – wird es diesmal nicht mehr reichen. Aber angesichts seines noch jugendlichen Alters - Martinez wurde am 11. Juli erst 23 Jahre alt – dürfte er noch einige weitere Chancen erhalten, sogar das Tour-Podium in Angriff zu nehmen. Oder andere Ziele, die sein Großvater erreicht hatte: etwa Etappensiege oder das Bergtrikot.

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