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06.08.2026 | (rsn) – Die Gesamtvierte und Trägerin des Weißen Trikots als Zugpferd des immerhin noch 20-köpfigen Favoritenfeldes hinter der sechsköpfigen Spitzengruppe um Elisa Longo Borghini? Dieses Szenario konnte man am knapp vier Kilometer langen, letzten Anstieg der 6. Etappe der Tour de France Femmes (2.WWT) am Donnerstag rund 20 Kilometer vor dem Ziel in Tournon-sur-Rhone beobachten.
Es mutete auf den ersten Blick eigenartig an, dass Antonia Niedermaier (Canyon – SRAM) ganz allein das Feld den Berg hinaufzog. Doch die 23-Jährige bestätigte radsport-news.com anschließend: "Es ging nicht anders. Wir mussten irgendwie die Lücke so klein wie möglich halten. Longo Borghini war vorne, deswegen musste ich leider ein bisschen Eigeninitiative ergreifen."
Niedermaier hielt den Rückstand zur Gruppe um die als Gesamtsechste mit 18 Sekunden Rückstand auf die Deutsche in die Etappe gestartete Italienische Meisterin konstant bei rund einer halben Minute und tat damit genau das, was nötig war. Denn leider hatte Canyon – SRAM zu diesem Zeitpunkt keine dritte Fahrerin mehr vorne dabei. ___STEADY_PAYWALL___
"Mit Elisa Longo Borghini weiß man nie: Oft wird sie mit jeder Etappe stärker, wenn man sich ihre Vergangenheit anschaut. Es kommen jetzt wichtige Etappen. Wir wollten es nicht riskieren, ihr zwei, drei Minuten zu geben", erklärte Teamkapitänin Katarzyna Niewiadoma RSN und Canyons Sportdirektor Rolf Aldag befand: "Toni hat es gut gerettet!"
Er erklärte auch, warum man unter Zugzwang war: "Unser Problem ist halt ein bisschen, dass Marlen (Reusser, Gesamterste, Anm. d. Red.) und Demi (Vollering, Gesamtzweite, Anm. d. Red.) so viel Vorsprung haben. Bevor es für die gefährlich wird, haben wir den 3. (Niewiadoma) und 4. Platz (Niedermaier) schon verloren. Das wissen die natürlich auch. Die haben auch ausgeschlafen", so der 57-Jährige, der deshalb nicht erwartete, dass FDJ und Movistar Niedermaier halfen – zumal die mit Celia Gery und Liane Lippert auch je noch eine gute Hoffnung auf den Etappensieg vorne hatten.
"Deswegen war es gut, direkt Verantwortung zu übernehmen. Da ging es aber nicht darum, die vorne direkt einzuholen, sondern eher den Schaden zu minimieren", erklärte Aldag und Kapitänin Katarzyna Niewiadoma lobte: "Wir wollten auf jeden Fall nicht all ihre Energie verbrauchen, einfach das Tempo halten, damit die Ausreißergruppe nicht zwei Minuten Vorsprung bekommt. Es war alles kontrolliert. Es ist schade, dass sie in den Wind gehen musste. Aber sie hat es sehr schlau gemacht. Chapeau an sie!"
Mit mehreren Fahrerinnen im Feld vertreten und ohne Frau in der Spitzengruppe war neben Canyon auch noch Lidl – Trek und SD Worx - Protime. Doch beide zockten und wollten vor allem erstmal über den Berg kommen. "Antonia ist so schnell gefahren, dass ich auch gar nicht hätte übernehmen können", meinte etwa Riejanne Markus (Lidl – Trek) nach dem Rennen zu radsport-news.com und Aldag stimmte zu: "Es ging berghoch. Da schafft es niemand anderes außer Toni, diese Gruppe zu kontrollieren."
Die Hoffnung lag darauf, dass nach dem Anstieg auch andere Teams wieder Interesse an der Verfolgung haben – etwa SD Worx für einen Sprintsieg mit Kopecky, oder eben Lidl – Trek. Doch als der Anstieg geschafft war, attackierte Markus und fuhr gemeinsam mit der späteren Siegerin Kim Le Court (AG Insurance – Soudal) zur Spitze vor.
Das machte Aldag als entscheidend dafür aus, dass man die Spitzengruppe auf den abschüssigen, letzten 17 Kilometern nicht mehr einholte. "Wir haben ein bisschen Pech, dass Markus dann hinspringt. Wenn Lidl mit vier in unserer Gruppe ist und keine vorne hat, Lotte Kopecky noch mit einer Teamkollegin dabei ist – dann fahren wir, glaube ich, wieder hin. Aber in dem Moment, wo Markus weg war, war das Pech für uns."
Letztendlich aber war man bei Canyon – SRAM trotzdem zufrieden. 28 Sekunden Rückstand auf die Spitze brachte das Favoritinnenfeld mit ins Ziel, inklusive der Bonifikationen vom Bonus Sprint machte Longo Borghini 30 Sekunden gut und schob sich damit an Niedermaier vorbei auf Platz vier – um nun zwölf Sekunden. "Das ist kein Beinbruch", bilanzierte Aldag. Schließlich sind zwölf Sekunden am Mont Ventoux nichts – und der steht nunmal am Freitag an.
"Hoffen wir mal, dass ich diese Geschwindigkeit von heute dort auf fast 17 Kilometern halten kann", grinste Niedermaier mit dem Blick voraus und freute sich bereits auf den ikonischen 'Riesen der Provence': "Ich glaube, das wird auf jeden Fall sehr cool. Ich glaube, man sollte das dann auch einfach genießen. Im Rahmen der Tour de France ist das natürlich immer etwas ganz Besonders."
Vom Genussradeln in der Steinwüste des Ventoux haben bisher wenige berichtet. Doch die bisherigen Eindrücke von Niedermaier legen nahe, dass sie dort zumindest zu denen gehören dürfte, die mit am wenigsten leiden. "Gestern (auf Etappe 5, Anm. d. Red.) hatte ich den Eindruck, dass Toni schon fast an den ersten drei (Reusser, Vollering und Niewiadoma) dran war. Wenn wir es uns aussuchen können, sind wir morgen zu viert vorne und attackieren abwechselnd", meinte Aldag. "Aber das ist ja kein Wünsch-dir-was."