RSNplus“Bin mit Ignoranz gefahren und hatte Spaß“

Longo Borghini haut vor Ventoux alles raus: “Gebe einen Sch...“

Von Felix Mattis aus Tournon-sur-Rhone

Foto zu dem Text "Longo Borghini haut vor Ventoux alles raus: “Gebe einen Sch...“"
Elisa Longo Borghini (UAE Team L´Imad) | Foto: Cor Vos

06.08.2026  |  (rsn) – Elisa Longo Borghini (UAE Team L'Imad) hat sich mit ihrem Vorstoß in der Abfahrt vom Col de Lalouvesc knapp 50 Kilometer vor dem Ziel der 6. Etappe, und vor allem mit ihrer Tempoarbeit im Finale, durch die das Feld der Favoritinnen auf Distanz blieb, zurück ins Spiel ums Podium der Tour de France Femmes 2026 (2.WWT) gebracht.

Die Italienerin rückte, weil sie inklusive Zeitbonifikation vom Bonus-Sprint genau 30 Sekunden gutmachte, an Teamkollegin Dominika Wlodarczyk und auch an Antonia Niedermaier (Canyon – SRAM) vorbei vom sechsten auf den vierten Gesamtplatz und liegt nur noch 1:11 Minuten hinter der Drittplatzierten Katarzyna Niewiadoma (Canyon – SRAM).

Niedermaier ist zwölf Sekunden hinter Longo Borghini Fünfte, Wlodarczyk liegt weitere 14 Sekunden zurück auf Rang sechs. Dazu kommt UAE-Bergjoker, die offiziell als Helferin angereiste Vuelta-Siegerin Paula Blasi auf Gesamtrang zehn 1:23 Minuten hinter ihrer Kapitänin. UAE ist trotz der Verluste vom Vortag in einer guten Ausgangslage vor Mont Ventoux und dem Finale am Sonntag in Nizza.

Und doch gab sich die 34-jährige Longo Borghini anschließend im Tagesziel in Tournon am Ufer der Rhone fast gleichgültig, was den Zeitgewinn, die Gesamtwertung und eigentlich sogar das Etappenergebnis – Platz sieben im Sprint der achtköpfigen Spitzengruppe - anging. Viel wichtiger sei ihr inzwischen, dass sie sich wohlfühle, dass sie Spaß habe, betonte sie. ___STEADY_PAYWALL___

"Das ist Radsport, das ist mir egal", kommentierte die Italienische Meisterin den Fakt, dass es auf den Schlusskilometern ins Ziel fast ausschließlich sie war, die aufs Tempo drückte und auch den Angriffen der späteren Siegerin Kim Le Court (AG Insurance – Soudal) sowie von Riejanne Markus (Lidl – Trek) nachsetzte. Frustration habe sie deshalb nicht mehr verspürt – und zwar vor allem deshalb nicht, weil sie diese nicht verpüren wollte.

"Ganz ehrlich: Ich war wütend nach dem Zeitfahren und auch gestern. Ich bin es müde, weiter wütend zu sein. Ich achte nicht weiter darauf. Wenn du Wut mit dir mitträgst, kann es vielleicht zu einem guten Resultat führen, aber man lebt nicht gut. Ich versuche, meine Tour de France zu fahren. Schon seit drei Jahren zeige ich hier keine guten Leistungen. Ich möchte nach Nizza kommen und Spaß haben", so die zweimalige Giro-Gesamtsiegerin, die 2023 und 2025 die Tour jeweils krank beziehungsweise verletzt aufgeben musste und 2024 gar nicht erst antreten konnte.

"Hatte ein paar Passagiere, aber ich kann sie verstehen"

Für ihre nicht gut kooperierenden Begleiterinnen in der Spitzengruppe brachte Longo Borghini sogar Verständnis auf, vor allem für Célia Gery (FDJ United – Suez) und Liane Lippert (Movistar): "Ich bin einfach Vollgas gefahren und hatte ein paar Passagiere am letzten Anstieg. Aber ehrlich gesagt kann ich sie auch verstehen, denn sie sind in den Teams mit Gelb und dem zweiten Platz in der Gesamtwertung. Natürlich haben sie nicht mit mir gemeinsam Tempo gemacht", erklärte Longo Borghini. "Ich kann nur Pieterse nicht verstehen, aber das geht mich nichts an. Ich mache mein eigenes Ding."

Von außen betrachtet war nicht ganz klar, was dieses eigene Ding im Finale von Tournon tatsächlich war. Einerseits spannte sie sich vor die Gruppe, wenn eine Konkurrentin attackiert hatte. Andererseits beteiligte sich auch Longo Borghini teilweise an den Zockereien und nahm zwischendurch heraus, wenn gerade niemand voraus war.

Elisa Longo Borghini war der Motor der Spitzengruppe im Finale der 6. Tour-Etappe. | Foto: Cor Vos

So ganz konsequent nur auf den Zeitgewinn im Gesamtklassement schien sie also nicht zu zielen – doch eher auf Etappensieg? Auch das mutete etwas komisch an, denn indem sie allein die Verantwortung übernahm, die Angriffe von Le Court und Markus abzuwehren und damit alles beisammen zu halten, führte sie das Rennen in Richtung Gruppensprint, in dem sie auf dem Papier aber nicht favorisiert war.

Mental harte Tour: Diskussionen, Defekt, schlechter Tag

Doch auf solch taktische Gedanken wollte sie sich nach der Etappe gar nicht einlassen. Als RSN sie fragte, ob sie auf den Schlusskilometern an die Gesamtwertung gedacht habe, sagte die 34-Jährige nur: "Ich bin einfach mit Ignoranz gefahren und ich hatte Spaß."

Diese Einstellung scheint verständlich, wenn man bedenkt, wie emotional anstrengend die letzten Tage der Tour 2026 für die Italienerin waren: Die Diskussionen um die Leaderrolle im UAE-Team, der Defekt zwei Kilometer vor dem Ende eines sonst so starken Einzelzeitfahrens, und dann der Verlust von 1:43 Minuten auf der Beaujolais-Etappe am Mittwoch, die ihr sehr gut hätte liegen sollen, haben Spuren hinterlassen.

Spaß an der Tour, das will sie haben: Elisa Longo Borghini beim Autogramme geben. | Foto: Cor Vos

"Gestern war ich ziemlich wütend, dass ich Zeit verloren habe, denn ich hatte gute Beine. Ich weiß nicht genau, was passiert ist. Vielleicht war es der Stress nach dem Zeitfahren, der mich beeinflusst hat. Ich habe nicht so gut geschlafen", sagte sie und erzählte, dass das nun aus dem Zentralmassiv ins Departement Ardeche und ans Rhone-Ufer anders gewesen sei: "Ich hatte viel Spaß in den Abfahrten und habe die Etappe genossen."

"Ich gebe einen Sch… auf den Ventoux"

Spaß in den Abfahrten und Offensivgeist – deshalb freut sich Longo Borghini schon jetzt auf Nizza, wo die Schlussetappe am Sonntag mit vier Passagen über den Col d'Eze genau das verspricht. Der Mont Ventoux am Freitag hingegen weckt keine sonderlich positiven Gefühle bei Longo Borghini, wie sie ungefragt klarstellte:

"Ich gebe einen Sch…", fing sie an und vermied das Schimpfwort: "Der Ventoux ist mir völlig egal. Morgen kann es so kommen, wie es will. Ich möchte einfach Spaß haben. Es ist nur ein Radrennen", erklärte sie, um später auf Nachfrage noch einmal zu wiederholen, dass sie persönlich auf die so sehr gehypte Etappe zum 'Riesen der Provence' "nicht wirklich" freue: "Es wird ein hartes Rennen, aber ich versuche, solange ich kann, dranzubleiben. Und dann fahren wir nach Nizza!"

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